Zeitung Heute : Friedrichshain: Cocktails und Sushi

Harald Olkus

"Wenn hier einer baut, dann wir", steht selbstbewusst auf einem Spruchband an der Fassade des besetzten Hauses in der Kreutziger Straße in Friedrichshain. Ergänzt wird diese trotzige Botschaft durch das Wort "Risikokapital", das ebenfalls an der Wand steht. Nebenan klafft eine Baulücke und gegenüber macht sich eine wilde Müllhalde breit. Platz zum Bauen gäbe es also reichlich, doch von Bauankündigungen gibt es keine Spur. Vielleicht will das Kapital tatsächlich nicht das Risiko eingehen, direkt neben Besetzern zu bauen.

Vielleicht haben die Investoren aber auch gar kein Interesse. Denn die schnelle Mark mit Immobilien ist im Viertel zwischen Ostkreuz und Warschauer Straße nicht zu machen. "Wer hier vermieten will, muss sich kümmern und die Initiative ergreifen", sagt Joachim Sackhoff, Eigentümer der Grünberger Höfe. Eigenschaften, die er vielen seiner eingesessenen Kollegen eher abspricht. "Das Viertel könnte sich viel besser präsentieren, wenn die Geschäftsleute sich nicht immer auf den Bezirk verlassen würden, sondern sich mehr selbst engagieren", meint er. Sein Gewerbehof aus der Gründerzeit ist voll vermietet mit Firmen aus der Mode- und IT-Branche; trendigen Wirtschaftszweigen, von denen es immer mehr in das bunte Viertel zwischen Ostkreuz und Warschauer Straße zieht.

Als Magnet wirken die Kneipen und Restaurants entlang der Simon-Dach- und Gabriel-Max-Straße. In schier lückenloser Folge reihen sich Tische und Stühle auf den breiten Gehsteigen, von den Hauswänden hallt eine Mischung aus Sprachfetzen und Musik. Durchgesetzt hat sich hier, wie im "Shel", eine wilde Mischung aus günstigen Cocktails und Sushi. Die Szene treibt bunte Blüten: die in dunkelrot gehaltene "Astro Bar" mit weißen Plastiksesseln à la Captain Kirk vom Raumschiff Enterprise und einer Einrichtung mit Versatzstücken aus dem Zeitalter der Computersteinzeit. Oder das indische Restaurant "Mandapan" mit einer riesigen heiligen Kuh aus Blech, die den Tresen bildet. Hier gibt es nur ein Gericht im Angebot, das täglich wechselt. Schräg gegenüber ist ein Thai-Restaurant. Es soll zwei ehemaligen Informatikern gehören, die keine Lust auf Computer mehr hatten und lieber zusammen mit einer Thailänderin das Restaurant eröffneten. Für die eher slawophile Klientel gibt es das "Rasputin Café", und das eher gesetzte Publikum um die 30 sucht vermutlich die Kneipe in der ehemaligen Apotheke auf.

Durch die wie zufällig entstandene Kneipenszene hat sich eine Eigendynamik entwickelt, die das Viertel stark verjüngt hat. Mittlerweile sind 70 Prozent der Friedrichshainer im Kiez unter 35. Die meisten von ihnen sind in eine der preiswerten Ein- und Zweizimmer-Wohnungen eingezogen, sagt Quartiersmanager Tilo Tragsdorf.

Die neue Einwohnerstruktur zieht allmählich auch neue Gewerbeansiedlungen nach sich. "Wir haben in den vergangenen zwölf Monaten 120 Objekte vermietet, die meisten standen vorher leer", sagt Tragsdorf. Um die Gewerbeansiedlung zu unterstützen, unterhält das Quartiersmanagement zwei Internet-Seiten, die über freie Flächen, Ausstattung und Mietpreise im Viertel informieren: www.boxhagenerplatz.de und www.gewerberaumboerse.de. Das Mietpreisniveau im Viertel differiert zwischen acht und 40 Mark pro Quadratmeter, letzteres wird für eine Kneipenfläche in der Simon-Dach-Straße aufgerufen. Der Durchschnitt liege aber bei zwölf bis 13 Mark für unsanierte und 17 bis 18 Mark für sanierte Flächen.

Tilo Tragsdorf erwartet, dass die Nachfrage auch weiterhin auf hohem Niveau bleibt. Multimedia- und Modefirmen, Dienstleister, Freiberufler, Piercing- und Schallplattenläden sowie Antiquariate interessieren sich für die Gewerbeflächen. Jede zweite Anfrage von Gewerbetreibenden, die nach Friedrichshain ziehen wollen, ziele auf die Gegend um den Boxhagener Platz. Insgesamt hat das Viertel derzeit 650 Betriebe, davon 113 Gaststätten, immerhin 75 Handwerksbetriebe und 150 Einzelhändler - eine relativ gesunde Mischung.

Konsumstaubsauger

Die Leerstände konzentrierten sich auf die unsanierten Flächen, sagt Tilo Tragsdorf. Etwa 20 Prozent der Erdgeschossflächen stehen leer, viele davon sind unvermietbare Wohnungen, die aber wegen der Zweckentfremdungsregelung des Senats nicht als Läden oder Gewerbeflächen genutzt werden dürfen. Zwar wirkt das "Ring Center" an der Frankfurter Allee weiter als "Konsumstaubsauger", das einen großen Teil der Kaufkraft auf sich konzentriert, wie Katrin Neumann von der auf die Vermittlung von Einzelhandelsflächen spezialisierten Gruppe-Immobilien sagt. Doch rund um den Boxhagener Platz haben sich neue Läden angesiedelt: kleine Lebensmittelläden, die eine Mischung aus Bioprodukten sowie italienischen und spanischen Spezialitäten anbieten, Klamotten- und Plattenläden, oft beides in einem, oder der Spätkauf-"Volcksladen".

"Offen ist, wenn an ist", steht auf einer Tafel auf dem Gehsteig, gemeint ist wahrscheinlich das Licht im Laden. Die Tafel listet auf, was das Publikum mit den bunten Haaren so braucht: Tabakwaren, Zeitungen und Kondome. Im Angebot für den Kunden hat der "Volcksladen" aber auch: "König oder Königin sein".

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