Friedrichshain-Kreuzberg : Wo Newcomer glänzen

Kreuzberger Nächte sind nun einmal lang. Und das gilt auch für Friedrichshain. Eine hohe Konzentration an Clubs und Szenelokalen lockt das Jungvolk an – und auch in den Theatern trifft man überwiegend ein studentisches Publikum an, das sich gern darüber austauscht, was state of the art ist. Der Bezirk wird mit seinen Bühnen dem Ruf gerecht

Es gibt sie noch, die typischen Kreuzberger Bühnen, die in einer Fabrik- etage im Hinterhof situiert sind. Die Produktionen, die hier präsentiert werden, sind frei produziert und verstehen sich als ästhetische Gegenentwürfe. Die Grenzen zwischen Theater, Tanz, Performance, Musik und bildender Kunst verschwimmen immer mehr.

Die größte Strahlkraft – auch weit über Berlins Grenzen hinaus – besitzt das Hebbel am Ufer, kurz HAU genannt. Seit 2003 leitet Matthias Lilienthal das Theaterkombinat mit seinen drei Bühnen nördlich und südlich des Landwehrkanals. Präsentiert werden Berliner Gruppen wie auch international gefeierte Compagnien. Im HAU kann man die aufregendsten Newcomer entdecken – es pflegt zudem seine Arbeitsbeziehungen mit hochkarätigen Künstlerkollektiven, wie das Programm zur Langen Nacht zeigt.

Im HAU 1 zeigt Forced Entertainment, die Performancegruppe aus Sheffield, mit „And On The Thousandth Night …“ eine ihrer berühmtesten Produktionen. Die Performer – Könige und Königinnen mit Pappkrönchen – treten in einen Wettstreit als begnadete Geschichtenerzähler. Sechs Stunden lang kann man Tim Etchells und seinen Kollegen lauschen – der Faden wird immer weitergesponnen. Denn wie bei Scheherazade ist das Erzählen dazu da, Leben zu retten. (19 Uhr bis 1 Uhr, Einlass ist jederzeit)

Bei Heuschrecken denkt heute jeder an gefräßige Finanzinvestoren. Stefan Kaegi, einer der Regisseure von Rimini Protokoll, hat die Metapher nun wörtlich genommen. Auf der Bühne des HAU 3 erbaut er ein Terrarium, das von Tausenden von Heuschrecken bevölkert wird. Experten aus der Migrationsforschung, Politologie und Insektenkunde begleiten das Publikum auf seiner Reise in eine fremde Welt.

Das Ballhaus Naunynstraße hat sich unter der Leitung von Shermin Langhoff schnell profiliert als Plattform für postmigrantisches Theater. Hier werden die Geschichten der anderen erzählt, wie etwa in der Produktion „Schattenstimmen“, die auf einer Textcollage von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel basiert. Die Inszenierung von Nurkan Erpulat zeigt Momentaufnahmen aus der Dunkelzone: Illegale Einwanderer berichten von ihren Strategien des Überleben – und Untertauchens.

Die Tanzfabrik, die 1978 von einem Kollektiv gegründet wurde, besitzt auch heute noch ihren Alternativcharme und zugleich Modellcharakter: Sie ist Produk- tions-, Aufführungs- und Diskussionsort in einem. Die vier Performer, die bei der Langen Nacht in „Superheroes. Mientras Tanto Open Space“ auftreten, besitzen zwar keine übernatürlichen Kräfte, versuchen aber dennoch, die Welt zu retten.

F 40 ist die gemeinsame Spielstätte von Theater Thikwa und dem English Theatre Berlin. Theater Thikwa verfolgt einen integrativen Ansatz: Es erarbeitet Inszenierungen mit Schauspielern mit und ohne Behinderungen. Das English Theatre Berlin präsentiert Inszenierungen und Gastspiele im englischen Original.

Seit 22 Jahren residiert das BKA-Theater über den Dächern Kreuzbergs. Die Kleinkunstbühne ist die künstlerische Geburtsstätte von Szenegrößen wie Tim Fischer – das BKA präsentiert aber auch immer wieder Neuentdeckungen. Bei der Langen Nacht verwandelt Ades Zabel sich wieder in „Edith Schröder Superstar“.

Eine der ersten Adressen für improvisiertes Theater ist das Ratibortheater. Die Gorillas, die für ihre Geistesgegenwart und Spielfreude bekannt sind, beweisen in ihrer Impro-Show, dass sie von Shakespeare bis Rappen alles drauf haben.

Im Jugendkunsthaus Schlesische 27 stellt sich dann der künstlerische Nachwuchs vor – in der Tanzperformance „Der Rote Flohmarkt“. Die Themen Handeln und Handlung werden zusammengestrickt – und Zuschauer können sich am Mehrwert der Kunst erfreuen, aber auch um alte Toaster oder Retrosonnenbrillen feilschen. Sandra Luzina

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