Zeitung Heute : Friedrichstraße: Die Schwaben-Offensive

Harald Olkus

Wer heute in Berlin baut und damit noch richtig Aufmerksamkeit erlangen will, der muss sich schon was einfallen lassen. Das weiß man auch in Stuttgart. Deshalb hat die Züblin Projektentwicklung am Dienstag weder Kosten noch Mühen gescheut, der Öffentlichkeit das neue "Friedrich Carré" entsprechend aufwendig zu präsentieren. Unter dem Motto: "Die Info-Box geht - das Baustellenfernsehen kommt!" feierten die Investoren den offiziellen Auftakt des 400-Millionen-Mark-Projektes am Bahnhof Friedrichstraße.

Am Dienstag stand eine ganze Schar von Medienvertretern mit gelben Züblin-Regenschirmen bewehrt im Regen, um CDU-Fraktionschef Klaus Landowski beim Druck auf den roten Knopf zu beobachten, der das Baustellenfernsehen in Gang setzte. Die 15 in den Bauzaun eingelassenen Monitore sollen Übertragungen aus der Baugrube sowie Veranstaltungstipps, Selbstdarstellungen künftiger Mieter und Nachrichten zeigen.

Bei einer anschließenden Talk-Runde diskutierten Vertreter von ARD, Capital, der Welt und SAT 1 mit Klaus Landowski und Gisela Meister-Scheufelen als Vertreterin des Wirtschaftssenators über den "Medienstandort Berlin-Mitte". Auf diese Weise sollte natürlich auf das "Friedrich Carré" als möglichem neuen Medienstandort aufmerksam gemacht werden, gleichzeitig wollte man damit aber eine Brücke schlagen zur früheren Nutzung des Areals. Denn neben dem Bahnhof Friedrichstraße stand früher das Wintergarten-Varieté, in dem die Gebrüder Skladanowski 1895 ihren ersten Film vorführten.

Historische Integration

Mit dem Verweis auf den Wintergarten als die "Geburtsstätte des Films" und die "bewegten Bilder" des Baustellenfernsehens sollte die Tradition als Medienstandort herausgestellt werden. Der besseren historischen Integration wegen hätten die Investoren ihr Projekt lieber Wintergarten getauft. Der Name sei aber geschützt und die Rechte-Inhaber hätten viel Geld für die Nutzung verlangt, sagte Uwe Schilling, Geschäftsführer der Züblin Projektentwicklung.

Auf dem rund 11 000 Quadratmeter großen Baufeld zwischen Dorotheen-, Georgen- und Friedrichstraße baut Züblin einen Komplex aus sieben Häusern und einer Tiefgarage. Auf der Grundlage eines städtebaulichen Entwurfs des Architektenbüros Assmann, Salomon und Partner haben fünf Architekten sieben Einzelhäuser entworfen, deren Architektur den Eindruck einer aufgelockerten Bebauung ergeben soll. Eine mäanderartige Fassade mit Vor- und Rücksprüngen, die mit Naturstein und Glas verkleidet wird, soll die Qualität des "Friedrich Carrés" ebenso unterstreichen, wie ein begrünter Innenhof.

Im Erdgeschoss und der ersten Etage sind 7500 Quadratmeter Einzelhandelsfläche geplant, für die möglichst ein qualitativ hochwertiger Großabnehmer gefunden werden soll. Läden von 50 bis 2000 Quadratmetern stünden zu Verfügung. Im von der Friedrichstraße abgewandten Teil des Blocks entstehen 48 Wohnungen mit Größen bis zu 200 Quadratmetern. Der überwiegende Teil der Flächen wird zu Büros ausgebaut. Die 27 000 Quadratmeter will man an Medienunternehmen, Steuerberater, Anwälte und Lobbyisten vermieten. Für die "Topadresse" werden Mietpreise ab 43 Mark aufgerufen. Zuerst sollen die Flächen in der Dorotheen- und Georgenstraße vermietet werden, mit den höher veranschlagten Büros an der Friedrichstraße will man noch etwas warten. Die Preise für Wohnungen und Läden stehen laut Züblin-Vorstand Paul van Aaken noch nicht fest. Bislang gibt es noch keine Mieter für das "Friedrich Carré".

Abschluss der Friedrichstraße

Dem schwäbischen Unternehmen ist es aber gelungen, zwei Mitinvestoren ins Boot zu holen, die den Löwenanteil der Finanzlast tragen. Die Württembergische Lebensversicherung steuert 200 Millionen Mark bei, die Wiener Lebensversicherungs AG 150 Millionen, für Züblin bleiben 50 Millionen Mark. Die Investoren wollen mit dem "Friedrich Carré" nach eigenen Angaben eine Lücke schließen zwischen der Einkaufsmeile südlich der Linden und dem Bahnhof Friedrichstraße. Das Carré solle zum "krönenden Abschluss" der Friedrichstraße werden, versprach Geschäftsführer Uwe Schilling.

Wolfram Freudenberg von der Württembergischen Lebensversicherung begründete das Engagement in der Friedrichstraße damit, dass Berlin derzeit der "interessanteste Immobilien-Standort in Europa" sei. Seine Versicherung verspreche sich von dem Objekt langfristige Renditen. Anton Werner von der Wiener Städtischen Allgemeinen Versicherung sieht jetzt den richtigen Zeitpunkt gekommen, in Berlin zu investieren. Die Talsohle auf dem Gewerbeimmobilien-Markt sei durchschritten. Die Nähe des Carrés zum Regierungsviertel und die "1a-Lage" seien Garanten für den Erfolg des Projekts. Ende 2002 soll das Carré bezugsfertig sein. Gleich gegenüber steht bereits das erste Geschoss des "Neuen IHZ". Die Wohnungsbau und Investitionsgesellschaft Berlin-Mitte mbH (WBMI) errichtet dort zwei Schwesternbauten des Internationalen Handelszentums. Die WBMI ist eine Tochtergesellschaft der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM), die neben 70 000 Wohnungen auch 500 000 Quadratmeter Gewerbeflächen in Berlin besitzt.

Nicht ganz so hoch wie das weiß gerahmte IHZ, mit 35 Metern aber immer noch deutlich über der Berliner Traufhöhe, soll in den beiden Gebäuden konzeptionell das fortgeführt werden, was in der Friedrichstraße südlich des Lindenboulevards bereits praktiziert wird: In den unteren Geschossen entstehen Ladenflächen, darüber Büros und unter dem Dach Eigentumswohnungen. Bis Ende 2001 sollen auf einer Nutzfläche von knapp 23 000 Quadratmetern etwa 4300 Quadratmeter Einzelhandelsfläche, rund 8100 Quadratmeter Büros, etwa 1500 Quadratmeter Wohnungen und eine Tiefgarage mit 150 Stellplätzen gebaut werden.

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