Zeitung Heute : Frisch zelle

Seine Design-Läden zählen zu den ganz schicken in Deutschland. Was fängt so einer mit 10 m2 Balkon an?

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Von Ariane Bemmer § Grundsätzlich hat ein Mieter das Recht, den Balkon nach seinen Vorstellungen zu gestalten. (AG Schöneberg, 6 C 360/85)

Grundsätzlich hat Andreas Murkudis jede Menge Vorstellungen für seinen Balkon. Blumen sollen her, etwas Rankendes, und irgendwas, um das Kind davon abzuhalten, sich zwischen den schmiedeeisernen Gitterstäben durchzuquetschen, woraufhin es in die Tiefe eines zweiten Hinterhofs in Berlin-Mitte stürzen würde.

Unten, in den Hinterhöfen der Münzstraße 21, verkauft Andreas Murkudis Mode und Design in mehreren Läden. Es gibt Leute, die zählen sie zu den schicksten Deutschlands. Sie sind hell, hoch, schlicht. Unten liegen die Höfe im kühlen Dauerschatten, oben gleißt die Sonne. Da, im dritten Stock, ist Murkudis’ liebster Ort auf der Welt. Sein Balkon. „Meine Oase“, sagt der 43-Jährige. Ist das nicht ein bisschen spießig? Am schmiedeeisernen Gitter sieht man eine gelbe Kinderbadehose hängen. Sonst nichts.

§ Selbst wenn die Hausordnung das Wäschetrocknen auf dem Balkon aus ästhetischen Gründen ausdrücklich verbietet, dürfen zumindest kleinere Wäschestücke – Kinderbekleidung und Sportsachen – dort aufgehängt werden. (AG Euskirchen, 13 C 663/94)

Andreas Murkudis wurde in Dresden geboren, dort haben sich die Eltern kennen gelernt, griechische Kommunisten auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg. 1973 wollten sie über West-Berlin nach Hause zurück, aber die griechischen Behörden verweigerten die Einreise. Die kleinen griechischen Sachsen kamen in Berliner Schulen, Andreas, damals elf, auf die Grundschule, sein Bruder Kostas, 13, aufs Gymnasium. An der Schule hat man sie wegen des Dialekts so gehänselt, dass die Jungs bald nichts mehr sagten. Später haben sich beide für den griechischen Pass entschieden, nicht für den deutschen. „Die Griechen verstehen es besser, ihr Leben zu genießen“, sagt Andreas Murkudis. Es gehe dort nicht so oft um Materielles wie in Deutschland.

In seinen Läden verkauft er jetzt Dinge, die er selber gerne hätte. Möbel, die schlicht sind und nicht kaputtgehen, Mäntel, deren Knöpfe halten, Blusen, die lange sitzen, oder Designer-Brotkörbe, die in Behindertenwerkstätten hergestellt werden. Alles hochwertig, alles nachhaltig, vieles teuer. Sein Bruder Kostas ist in der Modewelt ein Name, frech, flippig, unanständig wurden seine Kleider genannt. Der Designer hat lange in München gelebt. Inzwischen ist Kostas wieder in Berlin, in Charlottenburg. In Mitte findet er, werde zu viel Kaffee getrunken, nähmen sich die Leute zu wichtig.

§ Groß und geräumig im Sinne des Berliner Mietspiegels 2000 ist ein Balkon nur, wenn auf ihm ein Tisch und mehr als zwei Stühle Platz finden. (AG Lichtenberg, 8 C 322/02)

Andreas Murkudis sitzt oft abends auf dem Balkon, der Fernsehturm scheint dann herüber, bläulich, unwirklich, und es ist ruhig. Hinter ihm dämmert es in der Wohnung, zweieinhalb Zimmer für ihn, die Freundin und das Kind. Oder er sitzt hier mit der Familie, den Freunden aus dem Laden oder aus dem „Museum der Dinge“, wo er früher gearbeitet hat, 15 Jahre lang. Ob er hier grillt? Kommt gar nicht in Frage. „Das stinkt.“

§ Das Grillen ist in der Zeit von April bis September ein Mal im Monat auf dem Balkon zulässig, wenn die benachbarten Mitmieter 48 Stunden vorher darüber informiert werden. (AG Bonn, 6 C 545/96)

Wenn die Sonne scheint, sitzt Andreas Murkudis manchmal auch tagsüber auf dem Balkon. Es ist heiß, immer wieder wischt er sich den Schweiß von der Stirn in die graumelierten Haare. Mit übergeschlagenen Beinen hockt er auf dem schwarzen Lederkissen, lehnt am Türrahmen, die Wohnung dahinter ist kahl. So ein grüner Balkon sei zwar auch Kleinbürgers Traum, aber na und? Man kann es sich dort schön machen, ein paar Pflanzen, und man hat fast einen Garten, ein bisschen Grün. In den Straßen von Mitte gibt es nicht viele Bäume.

§ Die malermäßige Behandlung des Balkons gehört nicht zu den Schönheitsreparaturen. (AG Wedding, 19 C 577/00)

Der Balkon ist etwas mehr als zehn Quadratmeter groß, größer als das Schlafzimmer. Breite Holzgitter liegen auf dem Boden, es gibt zwei Liegestühle mit ausgeblichenem Stoff, einen weißen Blechschrank und einen großen quadratischen Plastiktisch aus Italien mit abgerundeten Ecken. Ein Erbstück, Farbe: champagner. Der Balkon ist möbliert, nur grün ist er nicht mehr: Ein Wasserschaden, der fünfte, seit Murkudis vor drei Jahren hier einzog, hat die Decke aufgeweicht, Putz bröckelt herab. Was blieb: ein Buchsbaum, zwei verdörrte Rosmarin.

Der ganze Komplex aus Häusern und Höfen ist alt und an vielen Stellen marode, dafür sind die Mieten günstig. In seinen Läden hat Murkudis jedes Mal bei den einfachsten Sachen angefangen, als es ans Renovieren ging: neue Böden, neue Elektrik, Wände trocken legen.

§ Rankgewächse – wie z. B. Efeu und wilder Wein – mit Haftwurzeln, die die Fassade beschädigen können, sind nicht ohne Zustimmung des Vermieters zulässig. Dies gilt jedoch nicht für den Knöterich. (AG Köln, 221 C 362/92)

Traurig bröckelt die Hausrückwand gleich neben Murkudis’ Balkon vor sich hin: Sie war mal efeugrün, jetzt ist ihr Putz so löchrig, dass man meinen könnte, allein die verdörrten Rankenreste hielten ihn noch zusammen. Der Hausbesitzer hat die Wurzeln gekappt.

Murkudis spielt auch mal mit der Tochter auf dem Balkon, sie ist zweieinhalb. Es gebe in der Nähe nur wenige Spielplätze und die seien alle voll. Murkudis hat noch ein anderes Problem, wenn er die Münzstraße verlässt: Er wird erkannt. Da sei der Sonnenplatz im dritten Stock auch so was wie ein Rückzugsort. Draußen sein ohne draußen zu sein.

Die Leute, die er trifft, sind oft Kunden. Menschen, die keine billigen Kopien kaufen, sondern teure Originale. Murkudis beklagt, dass zu viel zu billig eingekauft werde. Die T-Shirts, die nur eine Wäsche halten, das Fleisch aus der Massentierhaltung. Er sitzt und schwitzt und spricht mit leiser Stimme davon, dass er den Leuten in seinen Läden gerne erklärt, woher die Dinge sind, warum sie so viel mehr kosten als beim Discounter an der Ecke.

§ Um ungestört und unbeobachtet zu sein, kam eine Mieterin auf die Idee, ihren Balkon von allen Seiten mit einem schweren Kunststoffvorhang zu verhüllen. Dessen Schiene wurde an der Unterseite des darüber liegenden Vorbaus angebracht. Den Vermietern ging diese Verpackungskunst zu weit. Sie klagten und erhielten Recht. (AG Münster, 48 C 2357/01)

Murkudis will was Schnellwachsendes auf dem Balkon haben, wenn dieser saniert ist, Klettersachen, vielleicht Bambus, immergrün und kälteresistent. Bambus wird oft als Sichtschutz gepflanzt, was Murkudis nicht braucht. Der nächste Balkon ist am anderen Ende des Hauses, gegenüber im dritten Hinterhaus wohnt ein Freund von ihm, unten sieht er seinen Laden. Weiter hinter dem Haus ragt die Glasfassade eines Neubaus hoch, aber der gehört hier gar nicht mehr her.

Im ersten Hof ist ein Balkon, der Murkudis gefällt, was dort wächst, weiß er nicht, er hat keine Ahnung von Pflanzen. Er sieht Schneeballhortensien: Die blühen gerade noch, in dicken runden Blütenbällen. Nur in Grün und Weiß kann Murkudis sich auch vorstellen. Einer seiner Freunde wird ihm den Balkon einrichten. Nur eins werde es da ganz sicher nicht geben: Geranien.

§ Das Anbauen von Cannabispflanzen in erheblichem Umfang (14 Stück) berechtigt den Vermieter zur fristlosen Kündigung. (LG Ravensburg, 4 S 127/01)

Murkudis will irgendwann nach Griechenland ziehen. In das Land seiner Ahnen, das er nur von Besuchen kennt. Das Land, in dem die Menschen richtiger leben und nicht an den Schulden für einen Neuwagen kaputtgehen. Seine Eltern leben schon lange wieder in Griechenland. In einer Kleinstadt bei Thessaloniki. Das käme für Murkudis nicht in Frage. Er will auf eine Insel. Meerblick und Terrasse statt Fernsehturm und Balkon. So ändern sich auch die schönsten Orte der Welt.

Die Gerichtsurteile sind unter der Internetadresse: http://www.mieterschutzbund-berlin.de/6_6.html nachzulesen. Zwiebelblumen jetzt in feuchte Erde legen und geschützt lagern. Im Februar haben sich Wurzeln gebildet, dann rausstellen – und im Frühling wird geblüht.

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