Zeitung Heute : Frischer Wind

Wie erneuerbare Energien in Schleswig-Holstein die Konjunktur stützen

Harald Schumann

Deutschland braucht Veränderung. Überall fehlt es an Geld und Ideen: Verwaltung, Bildung, Wirtschaft, Kultur – alle sind betroffen. Wie kann Deutschland sich selbst helfen? In einer sechsteiligen Serie prüfen wir jeden Dienstag, welches Bundesland wo innovativ ist und in welchem Bundesland es weniger gut funktioniert. Kann das eine dem anderen Beispiel sein? Wir fragen nach.

Wer von Hamburg längs der Nordseeküste nach Husum fährt, kann es ahnen: Die Stromerzeugung mit Windkraftwerken leistet einen erheblichen Beitrag zum Wohlstand in Schleswig-Holstein. Mehr als 2600 Windräder drehen sich im Bundesland zwischen Nord- und Ostsee und erzeugen etwa ein Viertel des gesamten Stromverbrauchs.

Möglich wurde das mit der noch zu Zeiten der Kohl-Regierung eingeführten Verpflichtung für die Stromversorger, den Windstrom zu erhöhten Preisen in ihre Netze einzuspeisen und die Mehrkosten auf die Verbraucherpreise umzulegen. Diese indirekte Subventionierung, derzeit etwa fünf Cent pro Kilowattstunde Windstrom, ist zwar politisch umstritten. Aber die Schleswig-Holsteiner ziehen erheblichen Gewinn daraus. Die Betreiber erzielen Einnahmen von etwa 400 Millionen Euro im Jahr. Zudem sind bei Herstellung und Betrieb der Anlagen 5000 Arbeitsplätze entstanden. Wenn die Förderung für Windstrom im nächsten Jahrzehnt ausläuft, wird Schleswig-Holstein mit dem Export von Strom und Windgeneratoren eine krisensichere Konjunkturstütze mehr haben.

Möglich wurde das, weil die SPD-geführte Landesregierung schon seit Beginn der neunziger Jahre den Ausbau mit Investitionszulagen gefördert hat. Die Landespolitik habe der Branche seinerzeit „einen fulminanten Start“ verschafft, erinnert sich der Husumer Landwirt Hermann Albers, Vizechef des Bundesverbands Windenergie. Dabei trafen die Windräder zwar auch in Schleswig-Holstein schon früh auf Widerstand, vor allem bei Tourismusverbänden und Stadtflüchtlingen mit Sehnsucht nach Landidyll. Aber viele Regierungspolitiker, namentlich der frühere Energieminister Claus Möller, leisteten Überzeugungsarbeit. Heraus kam ein Raumordnungsprogramm, mit dem 166 Gebiete – ein Prozent der Landesfläche – als Eignungsraum für Windparks ausgewiesen wurden. Außerhalb dieser Zonen sind die Rotoren verboten.

Zudem drängte die Politik die Windparkentwickler, möglichst vielen Bürgern vor Ort eine Beteiligung anzubieten. Darum „bleiben mindestens drei Viertel der Erlöse direkt in der Region“, schätzt der Wirtschaftsstaatssekretär Wilfried Voigt (Grüne), der landesweit die Politik für regenerative Energien koordiniert. Das stabilisiere die ländliche Wirtschaft und wirke der Landflucht entgegen. Gleichzeitig ergeben sich wachsende Steuereinahmen. Nach Ende der Abschreibung werden für eine 2,5-Megwatt-Anlage 40000 Euro Gewerbesteuer im Jahr fällig. Das bringt zahlreichen Gemeinden Geldsegen, der wieder investiert wird. Der weitere Ausbau an Land erreicht allerdings Grenzen. Zwar hofft Voigt, dass sich die Kapazität durch den Austausch kleiner Windräder gegen leistungsstarke neue Anlagen noch von 2200 auf 3000 Megawatt steigern lässt. Aber auch die Kieler Windkraftfreunde fordern für die Großanlagen mit bis zu 150 Metern Höhe einen Mindestabstand zur nächsten Siedlung von 1,5 Kilometern. Dies werde das Re- Powering vielerorts unmöglich machen, fürchtet Vorkämpfer Albers.

Das muss aber nicht das Ende des Aufschwungs der Windwirtschaft sein. 2006 beginnt der Bau des ersten Offshorewindparks in der Nordsee vor Sylt. Verläuft das Unternehmen erfolgreich, stehen der Windindustrie große Zeiten bevor. „Dann“, sagt Voigt, „geht es nicht mehr um Millionen, sondern um Milliarden.“

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