Zeitung Heute : Frisöre Die 3

Deutschland hat drei glamouröse Haarkünstler. Harald Martenstein hat sich von ihnen den Schopf richten lassen. Sind die Salons typisch für die Städte? Eine messerscharfe Analyse.

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Waschen

Bei UDO nimmt am Telefon eine Frau den Terminwunsch entgegen, eine echte Berlinerin. „Zu wem wollnse denn?" Ich war noch nie da. Ich will es einfach mal ausprobieren. „Ick traare Sie denn mal bei dem Jean an." Sie spricht es „Dschang“ aus.

Udo Walz selber frisiert nur Frauen, außer, der Mann ist Bundeskanzler oder etwas in dieser Richtung. Udo Walz hat eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, des Inhalts, dass Gerhard Schröder seine Haare nicht färbe. Als Udo Walz vor einigen Wochen seinen 60. Geburtstag feierte, mit 300 Gästen, von denen die meisten im weitesten Sinn prominent waren, wurde auch ein handgeschriebener Glückwunschbrief des Kanzlers verlesen. „Wenigstens", sagte einer der Gäste zu seiner Tischdame, „ist Schröder nicht selber da.“ Es geht in dieser gesellschaftlichen Zone manchmal ein bissel maliziös zu. Und der Aufstieg von Udo Walz zu einer der anscheinend oder vielleicht auch nur scheinbar wichtigsten Figuren der Hauptstadtsociety wird allmählich auch dieser Society selber unheimlich. Zufall ist es nicht. Udo Walz hat, das beweisen frühe Fotos des ganz jungen Udo mit Hildegard Knef und Marlene Dietrich, von Anfang an die Nähe prominenter Menschen mit großer Zielstrebigkeit gesucht, ein Bub aus Waiblingen, Vater Lastwagenfahrer, Mutter Fabrikarbeiterin, den es in das West-Berlin der 70er Jahre zieht. Er arbeitet viel. Das sagen alle. Er ist diskret. Wenn eine Kamera in der Nähe ist, reißt er meistens ganz weit den Mund auf, so, als ob er einen heranfliegenden Pingpongball mit dem Mund auffangen möchte. Das ist das typische Udo-Walz-Lächeln.

Der Friseursalon Udo Walz liegt in der Uhlandstraße 181, dort, wo West-Berlin gerade noch einen halbwegs präsentablen Eindruck macht. Ein paar Meter weiter spürt man schon den Niedergang, an der Mazurka-Bar oder der verlassenen Pizzeria Capri oder beim benachbarten Salon „Ratz-Fatz", Herrenschnitt elf Euro neunzig. Walz hat sieben Geschäfte, auch auf Mallorca. Dieses hier ist weitläufig und ein bisschen verwinkelt, nicht sonderlich edel, das Mobiliar sieht nach Ikea aus. Am Eingang steht ein Büchertisch, Publikationen von und über Udo. Und da ist er auch selber. Aufgeknöpftes Hemd, darunter das Unterhemd. Schleppender Schritt. Eindrucksvoller Bauch. Ein Teil davon ist zur Besichtigung offiziell freigegeben, weil das Unterhemd relativ kurz ist. Udo müsste dringend mehr Sport treiben. Er hält ein Handy ans Ohr. Bald darauf zündet er sich eine Zigarette an. So, mit Handy und Zigarette und im zu kurzen Unterhemd, läuft er im Salon auf und ab und bespricht recht laut einen Termin mit einem Drehteam, der Sender wird nicht ganz klar. Ehrlich gesagt, ein bisschen prollig wirkt das schon. Ein gegelter Jüngling zupft Udo hin und wieder Fussel vom Kragen, während dieser auf- und abgeht. Im Hintergrund läuft ein Fernseher. Außerdem läuft eine Art Latino-Jazz.

Freunde sagen: „Was die Promis an Udo Walz mögen, ist, dass er ein so normaler Typ ist. Die wollen einfach mal unter normalen Leuten sein."

Ein heißer Tag. Einer der Friseure bringt Wasser im Plastikbecher. Dann wäscht er die Haare, die Brille muss man dabei in der Hand halten, ein Tischchen zum Ablegen gibt es nicht. Die Friseure sind alle ziemlich junge, hübsche Burschen. Einer wedelt mit einem riesigen Fächer. Die Kunden sind alle ältere Damen. Das liegt vielleicht an der Tageszeit, früher Nachmittag. Jetzt kommt der Dschang. Er ist als einziger über 30. Jeans, schwarzes T-Shirt. Er fragt: „Was soll denn gemacht werden?" Dschang ist keine Quasselstrippe, man muss ihm jeden Satz aus der Nase ziehen. Frage: Was ist denn zur Zeit der Trend, bei den Herren, haarmäßig? Antwort: „Das, was die Fußballer machen. Die Fußballer setzen immer den Trend." Neulich sei eine ganze Mannschaft bei Udo Walz gewesen, hier im Salon. Aber er weiß nicht, welche.

Nun betritt ein weiterer Herr den Salon, ein älteres Semester, um die 70, lange Mähne. Aus den hinteren Salonbereichen schwebt zum ersten Mal eine Friseurin herbei, ein gazellenartiges Geschöpf mit riesigen Augen und einem Decolleté, das in der Nähe des Erdmittelpunkts endet. Sie ist für den alten Knaben zuständig, man kann ihn fast im ganzen Raum schnurren hören, so gut gefällt ihm das. Das Prinzip des Salons scheint darin zu bestehen, Gazellen und Senioren zusammenzubringen sowie Seniorinnen und junge Hirsche.

Es kostet 35 Euro. Das geht, oder? Jean hat es auf seine wortkarge Art aber tatsächlich geschafft, seinem Kunden eine Flasche Udo-Walz-Shampoo zu verkaufen. 20 Euro. Für Shampoo! Wahnsinn. Jeder Kunde kriegt aber an der Kasse gratis den Sonderdruck der „Bunten" zum UdoWalz-Geburtstag. „60 Jahre Charme und Schaum“, 16 Seiten mit genau 50 Fotos von Udo Walz. Auf manchen Fotos sieht er aus wie der Alterspräsident des Reinickendorfer Harley-Davidson-Klubs. Aber der Schnitt von Dschang ist gut. Danke! Und Entschuldigung, weil ich kein Trinkgeld gegeben habe, das war der Schock, wegen des Shampoos.

Schneiden

Bei GERHARD. Gibt es etwas Dekadenteres, als zum Friseur nach München zu fliegen? Und das genau eine Woche nach dem letzten Friseurbesuch?

Gerhard Meir hat vier Salons und ist elf Jahre jünger als Udo Walz. Außerdem ist er mehr der intellektuelle Typ, er trägt eine eckige Brille, hat Romane geschrieben und das „SZ-Magazin" veröffentlicht unter seinem Namen eine Kolumne. So was besorgen Ghostwriter, aber trotzdem. Der Wille zählt. Meir wurde einst durch das Relaunch von Fürstin Gloria berühmt, er hat ihr damals den Irokesenschnitt verpasst. In Interviews gibt er sich gerne frech, über die Fernsehgeilheit von Udo Walz finden sich in den Romanen spöttische Passagen. Walz heißt dort „Bruno Lansky".

Promi-Friseure sind kein speziell deutsches Phänomen. Der Brite hat Aidan Phelan (David Beckham!) und Nicky Clarke (Nicole Kidman! Gwyneth Paltrow!), der Franzose hat Franck Provost (Lady Di, ihr letzter Schnitt), bei den Amis sind es Nick Chavez (ganz Beverly Hills) und John Frieda (Meg Ryan! Tom Cruise!). Mit 460 Dollar für einen Nassschnitt gilt Frieda als teuerster Friseur der Welt. Warum gerade die Friseure in letzter Zeit so wichtig geworden sind? Unter Köchen gibt es auch Stars. Aber Köche sind meistens introvertierter. Vielleicht sind die Friseure im Rahmen der allgemeinen Promi-Kultur einfach automatisch mit nach oben gespült worden. Sie sind eine Art Prominentenproletariat. Höflinge. Satelliten der echten Prominenz. Eines aber muss man ihnen zugute halten – sie können etwas. Sie sind nicht reine Selbstdarsteller wie Ariane Sommer.

Schon am Telefon war es bei Meir völlig anders als bei Walz. Die Frau erkundigte sich genau danach, was gemacht werden soll, und sie fragte: „Möchten Sie lieber von einer Dame oder von einem Herrn bedient werden? Ist der Günther recht? Jaaaa?" So sind Sie, die Münchner. Überhaupt muss es jetzt leider eine etwas klischeehafte Geschichte werden, ich kann nichts dafür, die Wirklichkeit ist eben so. Hier Berlin, dort München. Beschweren Sie sich nicht beim Reporter. Beschweren Sie sich bei der Realität.

Der Meir-Salon heißt „LE COUP" und liegt am Promenadeplatz, ganz in der Nähe von „Schumann’s Tagesbar". Davor parken, und das ist wirklich nicht erfunden, zwei Porsche und ein Mercedes Cabrio. Im Eingangsbereich stehen Säulen, es wirkt sehr pompös, fast ein bisschen Mussolini-faschistisch, das ist nicht politisch gemeint, nur vom Stil her. Vor dem Salon: eine Bar. Dort kann man sich hinsetzen, auch wenn man keinen Termin hat. Der Herr, der einen bedient, trägt Nadelstreifenanzug und Brille, ultraseriöser Typ, könnte bei jeder Party als neuer Feuilletonchef der „FAZ“ auftreten. Die Bar wird von der lebensgroßen Statue eines sich dahinfläzenden Jünglings beherrscht, im griechisch-römischen Stil, welcher dem Betrachter sein Geschlecht entgegenreckt oder auch der Betrachterin. Durch einen Gang mit Wandleuchtern gelangt man in den Salon, eine langgestreckte Halle mit hohen Fenstern und Spiegeln, auf der einen Seite die Plätze zum Waschen, auf der anderen Seite die Schneideplätze. Es ist so angelegt, dass die Kunden einander in ihrer ganzen Schönheit ausgiebig studieren können, im Gegensatz zu der verwinkelten Situation bei Walz. Das Wasser kommt in einem Glas und auf einem Barwagen. Für das Haarewaschen ist eine füllige Schwarze zuständig. Eine würdevolle alte Dame, von der man zuerst denkt, es sei vielleicht die Mutter von Meir, räumt das Geschirr ab. Und da ist er auch selber. Himmelblaue Krawatte, kariertes Hemd. Aber um die Hüfte herum spannt es auch bei ihm schon ganz schön.

Was man dank „Bunte" und „Gala" alles weiß über so einen Menschen! Ich weiß, dass Gerhard Meir vor acht Jahren auf Mykonos einen ganz üblen LSD-Trip hatte und dabei die ganze Zeit „Deck mich! Lösch mich!" gebrüllt hat. Stundenlang! Ich weiß, dass er Stoiber gut findet, obwohl er meint, dass Stoiber auf dem Kopf ein bisschen wuscheliger sein sollte. Ich weiß, dass er gegen seinen Ex-Lover prozessiert hat und schon mittags Weißwein trinkt. Ich weiß, dass es seiner Ansicht nach etwa 1000 gute Friseure gibt in Deutschland, 1000 von insgesamt 65 000. Am Anfang hat er, um als Promifriseur hochzukommen, Prominente umsonst frisiert.

Günther trägt Glatze und Brillie im Ohr. Sein restliches Outfit erinnert stark an eine Knastuniform. Er streitet sich mit einem Typ in schwarzem Unterhemd, der ihm wütend vorwirft, dass er ihn beim Essenbestellen vergessen hat, absichtlich womöglich. „Du Zicke!“, ruft Günther. Das sitzt. Er muss aber kräftig rufen. Es ist laut in Salon, man versteht kaum was. Darunter leidet die Konversation. Zum Glück. Meir hat über Gespräche im Salon mal gesagt: „Wenn eine Kundin mich zumüllt, schüttel’ ich ihren Kopf einmal kräftig durch und übergebe die Dame an meine Assistenten.“

Günther findet, dass der letzte Friseur es nicht gut gemacht hat. Der Schnitt sei so lala. Man muss das alles noch mal nachschneiden, und diese Übergänge am Hinterkopf, um Gottes willen. Ich traue mich gar nicht zu sagen, dass es bei Udo Walz war. Günther versucht nicht, Shampoo zu verkaufen, angenehm, dafür macht die Rechnung 45 Euro. An der Kasse wartet er auffällig unauffällig auf ein Trinkgeld, aber in der Brieftasche ist zufällig nur ein 50-Euro-Schein, nein, Günther, das geht nun wirklich nicht.

Legen

Im Internet kann man ein Bild von MARLIES MÖLLER betrachten, sie ist also eine superflotte Strähnchenträgerin von vielleicht Ende 30, Anlaufstation Nummer eins der besseren Hamburger Gesellschaft und Besitzerin zahlreicher Titel. Trägerin des Prix de Beauté, Commandeur d’ Intercoiffure, Lehrbeauftragte für Frisuren- und Gesichtsgestaltung an der Uni Hamburg… Halt, stopp, wann hat sie noch gleich ihren ersten Salon eröffnet? 1962? Irgendwas stimmt da wohl nicht mit dem Foto.

Von Marlies Möller stammt das Grundlagenwerk „Philosophie des Trockenschneidens“, das sich stellenweise liest wie Hegels Phänomenologie des Geistes. Marlies Möller: „Beim Schneiden kann der negative Fall des Haares zum Positiven sichtbar gemacht werden." Sie behauptet, kurz gefasst, dass Haareschneiden in trockenem Zustand Ängste abbaut, während das Nassschneiden die Ängste im Volk eher schürt. An ihrem Laden, Neuer Wall 61, edle Gegend, läuft man erst mal vorbei. Eine graue Schieferfassade mit schießschartenartigen Fenstern, der Name extrem dezent in den Stein eingelassen. Wie eine Privatbank. Drinnen eine Empfangstheke, hinter der, aufgereiht wie Perlen, sechs weißgekleidete Damen stehen, die alle gleichzeitig die extrem weißen Zähne zu einem synchronen Begrüßungslächeln entblößen, wie in einer Tigerdressur von Siegfried und Roy. Wenn das keine Ängste schürt, was dann?

Vor ihnen liegen riesige Terminpläne. Der Salon hat drei Stockwerke. Hier in Hamburg siezt man die Friseure, meiner heißt „Herr Balser". Der Besuch in München liegt erst vier Tage zurück. Ich sage: „Ach, nur waschen und fönen und so." Herr Balser führt in einen Raum, in dem alles strahlend weiß ist, die Wände, die Möbel, das Licht, fast möchte man eine Sonnenbrille aufsetzen. Und alle Friseure und Friseurinnen sind hellblond. Es ist wie in diesem Horrorfilm mit den außerirdischen Kindern, die auch alle hellblond sind. Wenn in Berlin der Promifriseur proletarisch ist und in München griechisch-römisch, dann ist er hier vor allem sehr, sehr hell und extrem fleckempfindlich. Das Irrste: Die Plätze haben sogar einen eigenen Computer, einen Apple. Beim Fönen darf im Internet gesurft werden. Hamburg, Tor zur Welt.

Herr Balser sagt: „Sie waren aber schon lange nicht mehr hier." Dabei kennen wir uns doch gar nicht! Da muss man bluffen. „Viel zu tun. Wird immer schlimmer. Wie geht es Marlies?" Frau Möller habe sich seit einiger Zeit aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen und wirke nur mehr im Management. Herr Balser beginnt ansatzlos, die Philosophie des Trockenschneidens zu preisen, es gebe dazu auch eine interessante Produktlinie. Jeder Möllerfriseur besitze eine Zusatzausbildung in der Philosophie des Trockenschneidens. Und ich will ausdrücklich einen Nassschnitt! Das ist, als ob du im Hofbräuhaus Weißwein bestellst.

Aber Herr Balser lässt sich nichts anmerken. Der Haarschnitt, den ich da hätte, na ja, da müsse man schon noch mal ein bisschen was machen. Am Hinterkopf sei das viel zu schwer. Die Leichtigkeit fehlt. Und die Übergänge, die seien, pardon, etwas unbeholfen, nicht ganz stimmig, im Ganzen zu schwer. Die bajuwarische Meirschwere halt. Herr Balser bringt Hanseatenschwung hinein, sieht echt gut aus. Statt der üblichen 38 Euro verlangt er für Waschen, Fönen, Nachschneiden auch nur 29 Euro 50 und wartet unauffällig neben der Kasse. Es ist wie verhext, wieder steckt nach dem Bezahlen nur ein 50-Euro-Schein in der Brieftasche. Dabei war Herr Balser, so sagen meine Bezugspersonen, der Beste von allen. Bei drei Prominentenfriseuren und insgesamt vier Stunden Aufenthaltsdauer habe ich in den Salons übrigens nur zwei echte Prominente gesehen, und dies waren Udo Walz und Gerhard Meir.

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