Zeitung Heute : Fröhlich sein und singen

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Kollege Ostberliner erzählte neulich von einem Magazin aus DDR-Zeiten: „Frösi“. Eine Publikation aus dem Themenbereich „Fröhlich sein und singen“. Zum Glück konnte ich D. gerade noch vom Jammern abhalten, von wegen: „Früher war alles besser …“ Das stimmt nämlich überhaupt nicht. Man braucht sich nur die aktuelle Titelseite von Geo anzusehen: fröhliche Bürger, die singen. Oder das neue Album von Herbert Grönemeyer. Der singt jetzt auch fröhliche Lieder. Eins heißt: „Kopf hoch, tanzen.“ Da will man doch einfach nur glücklich „Jawoll!“ rufen.

Der Grönemeyer hat’s einfach drauf! Vor ein paar Jahren hat er „eine ganze Nation mit seinem Album ,Mensch’ gerührt“, so stand es in dieser Zeitung. Leider wurde nicht erwähnt, um welches Land es sich handelte. Hoffentlich war ich da noch nie!

Ich will mich nicht selbst loben. Aber gleich an meinem ersten Morgen in Berlin, Ende der Achtziger, habe auch ich vielen Menschen Anlass zur Fröhlichkeit gegeben. Am Bahnhof Zoo bestellte ich einen Kaffee. Beherzt öffnete ich die Sahne und spritze mich von oben bis unten voll. Was haben die Berliner gelacht!

Ich war auf dem Weg zu einer Aufnahmeprüfung. An der Hochschule der Künste wollte ich Rollen vorsprechen, die ich einstudiert hatte. Alle Basler wollten damals Schauspieler werden.

Die HdK-Bühne war größer als die des Basler Schülertheaters. Ich kam mir vor wie ein Floh auf dem Alexanderplatz. Immerhin scheinen die Experten mich trotzdem bemerkt zu haben. „Danke“, brüllte einer nach wenigen Sekunden, „das reicht!“ Vielleicht hätte ich mir die Gesangseinlage sparen sollen?

Was nämlich Geo, Grönemeyer und Frösi verschweigen: Fröhlich sein und Singen sind manchmal gar keine guten Freunde. Wenn ich zum Beispiel mal singe, dann löst das bei meinen WG-Mitbewohnern Aggressionen aus. Wir lernen: In den Printmedien und in der Popmusik gehen Zwischentöne leider oft unter.

Was uns nicht umbringt, macht uns härter: Die neue Grönemeyer-CD gibt es überall.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben