Zeitung Heute : Froh zu sein, bedarf es viel

Matthias Meisner

Eine wissenschaftliche Langzeitstudie zeigt Deutschland, 15 Jahre nach der Wende, als geteiltes Land. Was hat dazu geführt, dass ehemalige DDR-Bürger immer noch nichts von der Bundesrepublik halten?

„Ohne Arbeit keine Freiheit!“, antwortet der Leipziger Professor Peter Förster. Er hat diesen Titel auch seiner am Dienstag in Berlin vorgestellten Studie gegeben, die den Anspruch erhebt, als sozialwissenschaftliche Untersuchung einzigartig zu sein. Förster war zu DDR-Zeiten Abteilungsleiter im Zentralinstitut für Jugendforschung in Leipzig – und von der ersten Stunde an beteiligt an der Befragung, die seit eineinhalb Jahrzehnten die Entwicklung sächsischer Schüler von damals untersucht.

Mehrere hundert junge Ostdeutsche, die 1987 die achte Klasse von Polytechnischen Oberschulen in den DDR-Bezirken Leipzig und Karl-Marx-Stadt besuchten, waren damals erstmals zu ihren Einstellungen zum Staat befragt worden. Nach der Wende stöberten die Wissenschaftler des inzwischen abgewickelten Instituts die Jugendlichen wieder auf. Und wissen nun ziemlich genau darüber Bescheid, dass ein größerer Teil der inzwischen 31-Jährigen noch immer nicht vom Gesellschaftssystem der Bundesrepublik begeistert ist. Nicht einmal zehn Prozent wollen es demnach für immer erhalten wissen.

Das hat auch mit gemachten Erfahrungen zu tun: Jeder Dritte der Befragten war inzwischen mehrfach arbeitslos, doppelt so viele wie 1996. 31 Prozent standen nach der Wende einmal ohne Job da. Einher geht das, so die Analyse des Wissenschaftlers, mit dem Gefühl, Deutscher zweiter Klasse zu sein – immerhin 43 Prozent fühlen sich so behandelt, bei jedoch abnehmender Tendenz. Die persönliche Zukunftszuversicht hat nach der Wende nicht zu-, sondern deutlich abgenommen.

Bei den Zukunftsängsten liegt die Verteuerung des Lebens vorn – neun von zehn der mehr als 400 Teilnehmer nennen diesen Punkt. Auch andere Dinge machen den befragten jungen Ostdeutschen, von denen knapp jeder Vierte inzwischen übrigens im Westen lebt, Angst. In der Rangfolge: weitere Reformen, die Zunahme von Leistungsdruck, Armut im Alter, der internationale Terrorismus, Egoismus, Kriminalität und die wachsende Zahl von Ausländern.

Schon zu DDR-Zeiten waren die Untersuchungen aus Leipzig nicht bequem, liessen sich doch Mentalitätswechsel und Distanz zur SED ablesen. Bildungsministerin Margot Honecker wurde das Material vorenthalten. Wenn es je nach Berlin ging, wanderte es, wie Förster sagt, in Panzerschränke – beim Zentralkomitee der SED, beim Amt für Jugendforschung und beim Zentralrat der FDJ. Heute könnte die DDR-Nomenklatura eine Genugtuung darüber empfinden, dass ein Anteil von 55 Prozent sich immer noch mit sozialistischen Idealen identifiziert. Obwohl die deutliche Mehrheit von mehr als 80 Prozent Wende und deutsche Einheit bejaht.

Auch der Systemvergleich ist spannend: Mit deutlichem Abstand loben die Befragten die Möglichkeiten der Selbstentfaltung und persönliche Freiheit in der Bundesrepublik. Bei vielen anderen Themen schneidet die DDR besser ab – eindeutig bei den Fragen nach sozialer Sicherheit, Kinderbetreuung, Förderung der Familie, dem Verhältnis der Menschen und dem Schutz vor Kriminalität. Selbst die Bildung fanden die Ex-DDR-Bürger früher besser. Etwas ehrlicher und moralischer seien die Politiker in der Bundesrepublik – doch halten die jungen Ostdeutschen von ihnen auch heute eher wenig.

Förster erstellt die Studie mit seinem Team jetzt ehrenamtlich, die Rosa-Luxemburg-Stiftung gibt Geld dazu. Die Teilnehmer der Studie hat der Wissenschaftler aufgefordert, Fragen zur Situation in Ostdeutschland an Politiker zu stellen. Ein Vorschlag: „Wie können Sie sich gegenüber dem Sozialismus als Sieger hinstellen?“

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