Zeitung Heute : Froscheier gegen Kopfschmerz

Die Eizellen helfen bei der Migräneforschung

Andrea Puppe

„Unsere Damen leben im Keller“, sagt Thomas Friedrich. Elisabeth scheint das nicht weiter zu stören. Die grüne Lady dümpelt in ihrem Becken herum und kuschelt mit den anderen Mädels. „Xenopus laevis neigt zur Haufenbildung“, kommentiert der Leiter der Arbeitsgruppe, die TU-intern scherzhaft die „Froschkönige“ genannt wird. Friedrich und sein Team erforschen im Max-Volmer-Laboratorium für Biophysikalische Chemie die molekularen Grundlagen der vererbbaren Migräne vom Typ FHM2.

„Molekularbiologen haben schon vor einigen Jahren nachgewiesen, dass bestimmte erbliche Formen von Migräne auf Mutationen in den Genen zurückzuführen sind. Diese Erbgutabschnitte stellen die Informationen für den Aufbau bestimmter Ionenkanäle oder Enzyme bereit“, sagt Friedrich. Wenn diese Zellbausteine eine andere Form haben als üblich, kann ihre Funktion gestört sein. „Das kann etwa dazu führen, dass plötzlich mehr Blut in die Gefäße des Gehirns einströmt und sie dadurch anschwellen – es entsteht ein starker Schmerz“, erläutert der Wissenschaftler. Zu den Migräneformen, die von Genmutationen hervorgerufen werden, zählt beispielsweise die dominant vererbte Familiäre Hemiplegische Migräne (FHM). Dabei wird der typische Migräne-Kopfschmerz von halbseitigen Lähmungen begleitet.

Um die Veränderungen im Erbgut zu studieren, nutzen die Wissenschaftler Froscheier als Miniatur-Proteinfabriken. „Wir injizieren in die Oozyten, also die Eizellen, die Informationen für den Aufbau der Enzyme“, erläutert Friedrich. „Diese werden dann in den Oozyten hergestellt und können dort untersucht werden.“ So lassen sich die Eigenschaften der veränderten Proteine analysieren, ohne Versuche an lebenden Tieren machen zu müssen. „Die Eier werden den Tieren unter Narkose entnommen. Das ist ein kleiner Schnitt, der schnell wieder verheilt“, sagt Friedrich.

Besonders für Pharmakologen ist die Forschung der TU-Arbeitsgruppe interessant. „Wir können ihnen Hinweise geben, wo genau ihre Medikamente ansetzen müssen“, sagt er. Auch deren Wirksamkeit ließe sich damit testen. Inzwischen haben die Forscher 13 verschiedene Mutationen untersucht, die mit Migräne in Zusammenhang stehen.

„Besonders spannend finde ich, dass jede dieser Mutationen völlig verschiedene Wirkungen hat“, sagt Friedrich, der ursprünglich Physiker ist. „Mir erschien es immer wichtig, nicht nur das einzelne Molekül, sondern den gesamten Organismus zu betrachten.“ Andrea Puppe

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