Zeitung Heute : Früh aufstehen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Kürzlich läuteten die „Tagesthemen“ im Fernsehen den Herbst ein. Und sie taten das auf die ungewöhnlichste Weise, die sich eine Nachrichtensendung dafür ausdenken kann: Klaus Maria Brandauer trug Rainer Maria Rilkes berühmtes Gedicht „Herbsttag“ vor. Kein Feature über die ersten Stürme, kein Porträt von einem Laubforscher, nein, ein Gedicht. Gleich habe ich an ein anderes, mir liebes RilkeGedicht gedacht, das den Titel „Archaischer Torso Apollos“ trägt und endet mit den Worten „Du musst dein Leben ändern“. Vielleicht steckt genau darin die ultimative Medizin gegen die mit der dunkleren Jahreszeit notorisch einhergehenden kleineren oder größeren Herbstdepressionen.

Natürlich, bei „Leben ändern“ denkt man gleich an die ganz großen Bögen, ans Auswandern zum Beispiel. Kürzlich traf ich auf einen Berliner Taxifahrer, der so überwältigend fröhlich war, dass ich fast in Panik geriet. (Weil man automatisch denkt, dass ein Taxichauffeur, der wahnsinnig gute Laune verbreitet, wahrscheinlich verrückt ist und einen gleich in eine dunkle Ecke der Stadt chauffieren und abmurksen wird.) Statt das zu tun, erzählte er, dass er erst vor ganz kurzer Zeit aus Kasachstan zugewandert sei, und ich ließ mich schließlich von seiner tollen Stimmung anstecken. Auswanderer sind fast immer hoch motiviert, wahrscheinlich, weil der radikale Schnitt in ihrem Leben jede Menge Stoffe freigesetzt hat, die aufmunternd wirken, Adrenalin zum Beispiel. Aber nicht jeder hat die Chance, beispielsweise nach Australien auszuwandern, obwohl das Sonnenvolumen dort bestimmt ein gutes Antidepressivum ist. Ob Kinder oder Job, es gibt genügend Verpflichtungen, die einen davon abhalten können. Was trotzdem kein Grund ist, entmutigt aufzugeben. Es gibt schließlich auch weniger radikale, gewissermaßen ambulante Möglichkeiten, etwas zu verändern.

Sonntage bieten sich dafür an, aber jeder Tag ist gut, an dem der Impuls stimmt. Offensive Freundlichkeit Fremden gegenüber lässt sich mit ein bisschen Hirnmuskelkraft auch ohne kasachische Vergangenheit praktizieren. Außerdem sind kleine Erlebnisse, die man bewusst auskostet, manchmal auch ganz wirkungsvoll. So wie ein sehr früher Morgen, den man nur erlebt, weil der Urlaubsflug so unverschämt zeitig losgeht, und dessen fremde, herbe, kühle Schönheit sich so anrührend abhebt von dem Alltagsmorgen, der normalerweise zwei Stunden später anfängt und dermaßen erstickt ist von Routine, dass er gar nicht sichtbar wird. Auch einen solchen Morgen kann man sich schaffen, ohne gleich in den Urlaub zu fahren. Man kann die gewonnene Zeit nützen mit dem Klassiker aller guten Vorsätze („Mehr Sport treiben“) oder, wie die „Tagesthemen“, mit der Lektüre alter Gedichte. Oder aber man malt sich aus, was man noch alles ändern könnte. Wer schon mal eine schwungvoll vorgenommene Lebensänderung als Fehler erkannt hat, weiß, dass man vieles auch wieder zurück ändern kann. Die Umtauschmöglichkeit ist das Beruhigende an diesem Prinzip. Als Gedichtschluss ist Rilkes Satz wunderschön, aber aufs praktische Leben umgedacht, würde er wohl zu pädagogisch rüberkommen. Da klänge es sicher freundlicher zu sagen: „Du kannst dein Leben ändern.“

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