Zeitung Heute : Früh übt sich

Die SPD will Kinder individueller fördern – auch mit der Gemeinschaftsschule bis zur 10. Klasse

Uwe Schlicht

SPD-Bildungspolitiker wollen das deutsche Schulsystem umbauen. Sie diskutieren eine Bürgerschule für alle Kinder. Ist das ein Aufguss alter Konzepte oder die Antwort auf Pisa?

„Im Mittelpunkt – der Mensch“ hieß diesmal das Motto der SPD-Programmkommission. Als das Gremium am Donnerstag in Berlin zum dritten Mal zusammenkam, ging es in erster Linie um die Bildungspolitik. Hier will die SPD wieder in die Offensive kommen – mit einem Umbau des deutschen Schulsystems in Richtung „Bürgerschule“. Karl Lauterbach, Berater der rot-grünen Regierungskoalition, stellte der SPD-Spitze ein entsprechendes Konzept vor, das die neue Richtung sozialdemokratischer Schulpolitik aufzeigt. Danach sollen schon die drei- bis sechsjährigen Kinder zum Besuch einer Ganztagsvorschule verpflichtet werden. An die Stelle der bisherigen Gliederung in Grundschule, Hauptschule, Realschule, Gymnasium und integrierte Gesamtschule soll eine ganztägige Gemeinschaftsschule treten. Lauterbach begründet diesen radikalen Vorschlag damit, es sei absurd, bereits Zehnjährige nach ihren vermeintlichen Begabungen zu trennen. Eine ganztägige Gemeinschaftsschule dagegen könne die Kinder individuell und begabungsgerecht fördern. Weder die Haupt- und Realschulen noch die bestehenden Gesamtschulen arbeiteten bisher „im akzeptablen Bereich“.

Neu an dem Vorschlag ist der gebührenfreie, verpflichtende Besuch einer Ganztagsvorschule. Das würde direkt bei dem Dilemma der Pisa-Ergebnisse ansetzen. Denn die großen Risikogruppen in unserer Gesellschaft sind die Kinder von Ausländern und von Deutschen aus sozial benachteiligten Schichten. Wenn sie rechtzeitig einen Bildungsanschub erhalten, damit sie nicht von Anfang an gegenüber deutschen Kindern aus intakten Familien benachteiligt sind, dann geht das nur durch staatlichen Druck. Aber schon die Forderung nach Gebührenfreiheit für alle ist angesichts der Haushaltslücken wohl nicht zu realisieren. In Deutschland geht die Zahl der Geburten so stark zurück, wie in kaum einem anderen europäischen Land. Die Finanzminister und Ministerpräsidenten ziehen daraus den Schluss, Schulen zu schließen, weniger Lehrer einzustellen und die Arbeitszeit für Lehrer zu erhöhen. Darunter leidet die individuelle Betreuung, denn sie ist sehr teuer.

In Skandinavien dagegen ist der große Erfolg der Gesamtschulen dieser individuellen Betreuung von Lernschwachen und Hochbegabten zu verdanken. Ohne eine vergleichbare Intensivbetreuung ist die Übertragung skandinavischer Gesamtschulmodelle auf Deutschland nur ein zum Scheitern verurteilter Aufguss alter Reformutopien der SPD aus den 70er Jahren. Und die Umsetzung eines solchen Konzepts würde bedeuten, dass sozialdemokratische Bildungspolitiker erneut ein Problem durch eine Organisationsreform lösen wollen. Davor warnen seit Jahren führende Bildungswissenschaftler wie Jürgen Baumert als Verantwortlicher für Pisa 2000 in Deutschland und der derzeitige FU-Präsident Dieter Lenzen. Und der Kultusministerkonferenz graust es vor einer Wiederbelebung der alten ideologischen Schuldebatten.

Denn wenn alles Gute von den Gesamtschulen käme, hätten die deutschen Pisa-Vergleiche andere Ergebnisse zeigen müssen. Aber in der internationalen Pisa-Rangfolge haben allenfalls Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen noch mit anderen OECD-Staaten beim Lesen, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften mithalten können. Sie aber haben die wenigsten Gesamtschulen. Die beiden Länder mit den meisten Gesamtschulen in Deutschland – Nordrhein-Westfalen und Brandenburg – rangierten im unteren Mittelfeld oder wie Brandenburg am Ende der Skala.

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