Zeitung Heute : Frühe Gemeinsamkeiten

Polen und Deutsche verbindet mehr, als das vermeintliche Allgemeinwissen glauben lässt – drei Beispiele

Deutsche und Polen haben mehr gemeinsam, als es die Debatten der Vergangenheit vermuten lassen. Es gab im Verlauf der vergangenen 1000 Jahre viele positive Beispiele gelebter Nachbarschaft und Partnerschaft, daran erinnert die große Kulturausstellung im Martin-Gropius- Bau, Berlin. Wir greifen drei Objekte heraus, um den Blick auf Gemeinsamkeiten zu schärfen.

RICHEZA

Wer kein Kölner ist, weiß es nicht. Zumindest ist es im Allgemeinen nicht bekannt, dass die erste polnische Königin im Kölner Dom begraben ist. Vor fast genau 1000 Jahren, 1013, hat Richeza, Pfalzgräfin von Lothringen, die Nichte des deutschen Kaisers Otto III. , den polnischen Herzog Mieszko, den Sohn von Boleslaw I., geheiratet. Boleslaw I. war ein wichtiger Verbündeter des deutschen Kaisers Otto III., aber nach dessen Tod kam es unter Kaiser Heinrich II. immer wieder zu Auseinandersetzungen mit Polen. Erst nach dem Tod Heinrichs II. 1018 änderte sich das, Boleslaw I. wurde polnischer König und sein Sohn 1025 als Mieszko II. zum polnischen König gekrönt, damit war Richeza Königin von Polen. Sie hatte es nicht leicht am polnischen Hof, denn es kam häufig zu Spannungen, da der deutsche Kaiser Konrad II. den polnischen Königstitel nicht anerkennen wollte.

Nach Überwindung der Krise setzte die gläubige Christin Richeza alles daran, ihren Sohn Kazimir so zu erziehen, dass er sich seines deutschen Erbes bewusst werde. Nach dem Tode Mieszkos wuchs in Polen der Widerstand gegen den deutschen Einfluss auf die Erziehung Kazimirs derart, dass Richeza beschloss, mit ihrem Sohn in die Heimat zu fliehen.

Erst als Kazimir 1038 in Polen die Thronfolge antrat, gelang es ihm, mit deutscher und Kiewer Hilfe, den Thron der Piasten wieder aufzubauen. Richeza war allerdings nicht mehr nach Polen zurückgekehrt. Sie wird als außergewöhnliche Persönlichkeit geschildert, die in Friedenszeiten viel für Polen und Deutschland getan hat, sie unterstützte wesentlich die Ausstattung des Bamberger Doms, von Kirchen in Köln und Brauweiler, aber auch den Wiederaufbau polnischer Kathedralen, die während der Kriege zwischen Christen und Heiden um 1030 zerstört wurden. Richeza wurde in der Stiftskirche Mariengraden begraben. Als diese 1817 abgetragen wurde, verlegte man das Grab der ersten polnischen Königin in den Kölner Dom.

HERZOGIN HEDWIG

VON BAYERN-LANDSHUT

Es muss ein rauschendes Fest gewesen sein, das zu Ehren der Hochzeit des Wittelsbacher Herzogs Georg dem Reichen mit der jagiellonischen Prinzessin Hedwig 1475 gegeben wurde, ein Event sozusagen, bei dem vor allem die deutsche Seite, mit Namen die Wittelsbacher und Hohenzollern, einander zu übertrumpfen versuchten. 323 Ochsen, 490 Kälber, 969 Schweine 3295 Schafe und Lämmer sowie 51 500 Hühner und Gänse sind bei den üppigen Feierlichkeiten verspeist worden, nie wieder hat ein deutsch-polnisches Fest solche Ausmaße angenommen. Ja, die Landshuter Hochzeit gilt heute als die üppigste Party des Spätmittelalters, bei der der Kaiser und viele Kurfürsten anwesend waren. Sie wird übrigens seit 1903 alle vier Jahre in Landshut als großes Spektakel nachgefeiert, das nächste Mal im Jahr 2013.

Die polnische Seite hatte die unvorstellbare Summe von 100 000 Gulden in Aussteuer und Selbstdarstellung der Prinzessin investiert. Zweifellos zeigte hier eine neue Großmacht in Europa Präsenz, die Jagiellonen hatten den Deutschen Orden 1466 besiegt und nun schickte sich der siegreiche und machtbewusste König an, seine zahlreichen Kinder gezielt und sinnvoll in Europa zu verheiraten.

Vor allem deutsche Fürstenhäuser schickten sich an, sich um eine jagiellonische Prinzessin zu bemühen. So kam es in der Folge der Landshuter Hochzeit zu weiteren Verbindungen mit Franken, Sachsen, Pommern, Brandenburg und Braunschweig-Wolfenbüttel.

Im Gegenzug wurden habsburgische Prinzessinnen nach Polen verheiratet. Mit dieser geschickten Politik sollte ein Bollwerk gegen die Türken errichtet werden, die 1453 Konstantinopel erobert hatten.

VEIT STOSS, BILDHAUER

Er steht wie kein Zweiter für das gemeinsame kulturelle Erbe Deutschlands und Polens – Veit Stoß (1438–1533), der berühmte Bildhauer aus Nürnberg, hat zwanzig produktive Jahre am Hof der damaligen polnischen Hauptstadt Krakau gewirkt und ein Werk hinterlassen, auf das sich beide Nationen beziehen können, eine Tatsache, derer sich heute die Wenigsten bewusst sein dürften.

Das technische und künstlerische Know-how für Bildhauerei fand man im späten Mittelalter in Paris, Brüssel, Brügge, Gent und Köln – und es lag nahe, dass die polnischen Herrscher, wollten sie Spitzenwerke, sich hier bedienten und Künstler aus dem Westen engagierten.

So zog der wahrscheinlich 1438 geborene Veit Stoß 1477 von Nürnberg nach Krakau, wo er den Altaraufsatz für die Marienkirche in zwölf Jahren schuf. Seine vier in Polen geborenen Kinder bekamen alle polnische Vornamen. Stoß schuf noch weitere bedeutende Werke, unter anderem die Platte für das Königsgrab Kasimirs IV. Nach 20 Jahren zog es ihn wieder nach Nürnberg, warum ist nicht bekannt. In Nürnberg gab es damals keinen Zunftzwang für Bildhauer und Bildschnitzer. Vielleicht, so die Forschung, reizte ihn die dortige Bildhauer- Szene, die es so in Krakau nicht gab. Folglich hatte Stoß auch keine Nachfolger seiner Bedeutung in Krakau gefunden. Allerdings, so wird vermutet, sei es fraglich, ob er unter einem selbstbewussten Stadtrat in Nürnberg glücklicher geworden sei als in Krakau am Hofe des Königs. Rolf Brockschmidt

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