Zeitung Heute : Früher frühstücken

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Stephan Wiehler

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Letzten Sonntag konnte unsereins endlich mal wieder länger schlafen. Mit der Umstellung der Uhren auf Sommerzeit bekamen wir nämlich eine Stunde geschenkt. Ja, ich weiß schon, was Sie sagen wollen: Die Uhren wurden doch um eine Stunde vorgestellt, also war die Nacht entsprechend kürzer. Richtig. Psychologisch hingegen fühlte ich mich beim ersten Blick auf den Funkwecker trotzdem regelrecht ausgeschlafen – weil kleine Kinder nun einmal kein Funksignal für ihre innere Uhr kriegen. Emmas Weckruf kam also nicht – wie üblich – um halb sieben, sondern erst um halb acht.

So eine geschenkte Stunde muss man nutzen. Indem man zum Beispiel frühstücken geht, ein Luxus, den wir uns ewig nicht mehr gegönnt haben. Denn fürs Frühstückengehen sind wir meistens einfach zu früh dran, und wenn man den ersten Hunger schon zu Hause gestillt hat, lohnt sich das Frühstücksbüfett im Café auch nicht mehr.

Emma kriegte also erst einmal einen Keks, während wir mit leeren Mägen das extra aufbewahrte Frühstücks-Spezialheftchen aus dem Stadtmagazin studierten. Das Café N. in Prenzlauer Berg klang gut, das wurde von den Testern des Stadtmagazins nicht nur als behindertengerecht, sondern auch als besonders kinderfreundlich bewertet. Wir fühlten uns durch beide Prädikate angesprochen. In der Single-Hauptstadt Berlin sind Eltern, die mit Kindern frühstücken gehen, schließlich nicht überall willkommen. Die Mehrheit der Sonntagsfrühstücker, die aus übermüdeten Nachtschwärmern und kinderlosen Doppelverdienern besteht, empfindet die Gegenwart von Kindern eher als Störung der Sonntagsruhe (ich weiß das, mir ging es früher ganz ähnlich). Das gibt Eltern wiederum die Gelegenheit, das öffentliche Frühstück mit ihren Kindern als Protestkundgebung gegen die Verantwortungslosigkeit vermehrungsunwilliger Großstadtbewohner zu inszenieren. Dafür bot das Café N. jeden erdenklichen Anlass. Während die kinderlosen Hedonisten die letzten Weintrauben stöckeweise vom Büfett abtrugen, standen wir noch herum und warteten auf den einzigen verfügbaren Kinder-Hochstuhl, der dem Lokal das besondere Lob des Stadtmagazins eingebracht hatte. Ansonsten konnte ich keine kindgerechten Extras entdecken.

Emma störte das nicht. Mangels Sitzgelegenheit machte sie sich auf unsicheren Beinen mit den Gästen bekannt. Während meine Frau und ich von dem, was die Hedonisten am Büfett zurückgelassen hatten, ein Frühstück zu zweit genossen, scheuchte Emma Hunde unter den Tischen hervor, hielt die Leute vom Zeitunglesen ab und wuselte zwischen den Beinen der genervten Kellnerin herum – eine Sternstunde, die einen Vater für jede Entbehrung entschädigt.

Das früheste Frühstück des Jahres gibt es im Fernsehturm am Alexanderplatz: Am 19. Juni öffnet das Panorama-Café ab 4 Uhr zum „Sonnenwendfrühstück“. Frühaufsteher begrüßen die aufgehende Sonne um 4.44 Uhr bei Harfenklängen mit einem Glas Champagner, danach wird das Büfett in 208 Meter Höhe eröffnet. Das früheste Frühstück ist allerdings früh ausgebucht, deshalb rechtzeitig anmelden unter Tel. 242 33 33.

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