Zeitung Heute : Früher Watschn, heute Kerzerln Österreich platzt vor Stolz auf seinen großen Sohn Arnie

Paul Kreiner[Wien]

In Österreich waren gestern alle irgendwie Gouverneur. Frohlockte es jedenfalls aus dem Radio. „Heute ist der Tag, an dem wir irgendwie alle zum Gouverneur gewählt worden sind“, sagte ein Moderator. Nicht nur er fühlte gestern alte, goldene Zeiten zurückkehren – die steirische „Frau Landeshauptmann“ Waltraud Klasnic jubelte: „Über Österreich geht die Sonne nun nicht mehr unter.“ Wann zuletzt konnte man so große Töne spucken! Genau: Kaiser Karl V. war es. Und der ist seit 445 Jahren tot.

Tourismuswerber freuten sich im Radio über die unbezahlbare, weltweite Werbung für Österreich. Nun könne keiner mehr Austria mit Australia verwechseln, meinten sie und ersparten sich zum feierlichen Anlass weitere Seitenhiebe auf George W. Bushs berüchtigte Geografiekenntnisse. Eilig wurden Studien herausgekramt, nach denen Arnold, der Österreicher, „schon zu Lebzeiten“ so weltberühmt sei wie Wolfgang Amadeus Mozart und Johann Strauß. Auch Außenministerin Benita Ferrero-Waldner sieht nach Schwarzeneggers Wahlsieg nun „Amerika und aller Welt vor Augen geführt“, „wie tüchtig Österreicher weltweit sind“. Wahrscheinlich ist die für ihr „Kampflächeln“ berühmte Ministerin auch froh darüber, einen potenten Konkurrenten bei der Wahl zum Bundespräsidenten los zu sein: Der Doppelstaatsbürger Schwarzenegger hatte im Mai ja angedeutet, er könnte auch in Wien kandidieren. Und wer weiß: Einer, dem seine alten österreichischen Sportstudio-Kumpels nun alle Chancen auf den amerikanischen Präsidentenposten zutrauen, der hätte ja bestimmt auch Freude an der putzigen Hofburg in Wien.

Der derzeitige Bundespräsident in Wien ist jedenfalls schon per Du mit dem künftigen Gouverneur in Sacramento. Sein euphorisches Gratulationstelegramm unterzeichnete er mit „Dein Thomas“ – und nur für den Fall, dass Schwarzenegger seinen guten alten „Thomas“ nicht mehr kennen sollte, fügte dieser den Nachnamen – Klestil – an, in Klammern.

In Graz und seinem kleinen Vordorf Thal, in dem Schwarzenegger 1947 das mild-grüne Licht der Steiermark erblickt hat, haben sie mit ihrem großen Sohn die ganze Nacht gefiebert, gefeiert, und nicht nur das: „Wir zünden Kerzerln für ihn an, gehen beten in die Kirche“, teilte Schwarzeneggers Cousine Monika Fitzko den aus aller Welt angereisten Journalisten mit: „Wir tun etwas mental – ich kann auch nur mental etwas tun für ihn, und das tu ich intensivst, schon seit einigen Tagen.“

In der steirischen Hauptstadt Graz haben sie längst ihr „Arnold-Schwarzenegger-Stadion“ und ihr „Arnold-Schwarzenegger-Museum“, wo fromme Pilger die Body-Building-Geräte von einst besichtigen dürfen, garantiert benetzt vom Schweiß des Helden. Schon damals – „jetzt auf einmal wissen alle alles aus seiner Jugend“, bemerkt Schwarzeneggers Ziehvater Alfred Gerstl indigniert – will jeder den „eisernen Willen“, das „innere Feuer“ erkannt haben, das den dürren Gendarmensohn aus ihrem Thal auf die Muskelberge eines „Mister Universum“ trieb. Natürlich waren es auch die strengen Erziehungsmethoden. Schon Schwarzenegger selbst hat ja gelegentlich die „Watschn“ gerühmt, die ihm seine innigst geliebte Mutter Aurelia angedeihen ließ: „Mama, des war guat!“

Ohne die 1998 gestorbene Mutter, sagt der „Terminator“, wäre er ohnehin nicht geworden, was er ist. Von seinem Vater Gustav und dessen ledernem Uniformgürtel als Erziehungsinstrument spricht er selten. Gustav Schwarzenegger war Nazi, SA-Mitglied, wenn auch wohl ein kleines Licht – soweit man das mit diesen Mitgliedschaften damals sein konnte.

Auch deshalb atmete Österreich gestern auf: Eine zweite Waldheim-Affäre, eine zweite Eiszeit wie damals zwischen dem als Kriegsverbrecher angeprangerten österreichischen Bundespräsidenten Waldheim und den USA, die hätte dieses Österreich in seinem Tüchtigkeitsstolz einfach nicht ertragen, ein Land, das sich in seiner Nationalhymne besingt – „Heimat bist du großer Söhne“.

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