Frühling : Bote gegen die Demografie

Die Welt ist aus den Fugen. Es brennt an allen Ecken, in Tunesien, in Frankfurt und wo auch sonst noch. Und immer älter wird die Gesellschaft auch. Da begrüßt unser Kolumnist Helmut Schümann die frühe Ankunft des ersten Babyexperten schlechthin. Eine tröstliche Glosse.

Nun denn, etwas Tröstliches in diesen Tagen, in denen die Welt brennt in Tunesien, Frankfurt und wo sonst noch überall auf der Welt. Der Kollegin, das ist jetzt noch nicht der Trost, der Kollegin, Mutter zweier kleiner Kinder, haben sie gerade in Prenzlauer Berg das Auto zerschlagen. Schon klar, dass die Täter vor ihrer Anti-Gentrifizierungsaktion nicht erst groß die Fahrzeughalter ermitteln können, das würde schließlich einen Denkprozess voraussetzen.

Können Störche denken? Und jetzt kommt es zum Tröstlichen. Sie können, ich bin sicher. Am Donnerstag fand in Berlin der große Kongress zum demografischen Wandel der Gesellschaft statt. Also zur Überalterung, weil es an Babys fehlt. Also ein ziemlich trauriges Thema eigentlich. Und wer kam am Tag darauf im brandenburgischen Rühstädt an der Elbe an? Der seit Jahrtausenden wirkende Experte für Babyfragen schlechthin, das Dementi der Überalterung, der Hoffnungsträger für eine Zukunft mit fröhlichem Babygeschrei, für späteres glockenhelles Kinderlachen, und noch später für die Rentensicherung der Alten? Der Storch!

Rühstädt bei Wittenberge gilt als das storchenreichste Dorf Deutschlands. Meister Adebar wurde auf zwei Horsten gesichtet, einmal artgerecht auf dem Verwaltungsgebäude des Biosphärenreservats Flusslandschaft Elbe-Brandenburg, dann, etwas mehr zukunftsgewandt und technikorientiert, auf einem Trafohäuschen. Dem Vernehmen nach ist er ein Ostzieher, das sind die Störche, die im südlichen Afrika überwintern. Also eine ziemliche Strecke, die die Störche wegen ihrer außerordentlichen Ausdauer und Disziplin und bei guten Wetterbedingungen über die Osteuropa-Route mit 400 Tages-Kilometern abarbeiten können. Es herrschen gute Wetterbedingungen, es ist Frühling, juchee!, und so dumm wird der Storch nicht sein, dass er nach unten auf die gruselige Welt schaut und gleich wieder umkehrt.

Wenn die Storchengeburtsrate des vergangenen Jahres wiederholt wird, da zogen in ganz Brandenburg nämlich 1424 Storchenpaare 2596 Junge groß, braucht uns, sofern der alte Brauch noch gilt, der demografische Wandel nicht zu schrecken. Wenn er nicht mehr gilt, und die Störche in dieser aus den Fugen geratenen Welt nicht mehr die Babys bringen, dann doch. Hoffen wir aber auf das Beste und darauf, dass wenigstens das Federvieh sich seiner Bestimmung erinnert und die Vernunft walten lässt. Wo es doch sonst keiner mehr tut.

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