Zeitung Heute : Frühling im Hörsaal

Der Tagesspiegel

Noch ein wenig Vogelzwitschern und man könnte meinen, man stünde auf einer Frühlingswiese und nicht im renovierten Großen Hörsaal des John-F.-Kennedy-Instituts der Freien Universität. Durch den Raum schlägt sich eine breite blaue Welle. Sie beginnt im hinteren Teil als Rampe, wölbt sich nach oben und arbeitet sich leicht schräg an der Decke nach vorn. Aus den Schlitzen dieses blauen Deckenflügels strömt Licht und wird von den grün-glä nzenden Stühlen auf dem ebenfalls grünen Quarzkiesboden reflektiert. Hier und da blitzt ein Stuhl in pastellblau oder rosa auf, Blüten auf dem Grasbett. Hörsaal-Idylle, geschaffen von Studenten. Heinz Ickstadt, Vorzitzender des Institutsrats des JFK-Instituts ist begeistert: „Ein Raum, der jede Erinnerung an das, was vorher war, auslöscht.“

Steinharte Kaugummis unter den mit schwarzen Filzstiften beschmierten Stühlen, vorn ein Professor, der versucht, trotz defekten Mikrofons seine Vorlesung zu halten – so sah der Hörsaal-Alltag aus, mit dem sich das Institut nicht abfinden wollte. Schließlich konnte man den hohen Gästen, die jeden Monat zu den Fraenkel Lectures aus dem Ausland anreisen, die 60er Jahre-Dorfschulen-Ästhetik auf Dauer nicht zumuten. Ein repräsentativer Hörsaal musste her.

„Eigentlich wollten die Professoren von uns nur einige peppige Entwurfsideen“, sagt Susanne Hofmann, Architektin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität. „Ich sah aber die Chance, das ganze Projekt an unsere Universität zu ziehen.“ Mit den ersten Entwürfen ihrer Studenten Philipp Baumhauer, Julian Sauer und Christian Weinecke, damals im neunten Semester, konnte sie schließlich die Bauherren an der Freien Universität überzeugen, dem Dreier-Team die gesamte Gestaltung des Saals zu überlassen. „Wir drei haben alle beim gleichen Professor und Assistenten unser Studium begonnen“, berichtet Philipp Baumhauer. „So hatten wir alle die gleiche Arbeitsweise.“

Zwei Semester Auszeit nahmen sich die drei für das Projekts. „Wir haben morgens um neun angefangen und oft bis Mitternacht durchgearbeitet“, sagt Baumhauer. Ein fulltime-job, der nur mit ein paar Seminarscheinen und vielen Erfahrungen entlohnt wurde. Zum ersten Mal mussten sich die Studenten mit allen Arbeitsphasen vom konzeptionellem Entwurf, über Verhandlungen mit dem Bauherren, der Materialrecherche und schließlich dem richtigen Umgang mit den Handwerksbetrieben befassen.

Die Kluft zwischen Praxis und Theorie schrumpfte mit jeder Arbeitsphase. „Im Architekturstudium beschäftigt man sich ständig mit imaginären Entwürfen. Während des Projekts haben wir ganz schnell gelernt, welche dieser Entwürfe realisierbar sind und welche nicht“, erzählt Baumhauer. Ihre besten Ideen konnten die jungen Architekten vor dem Reißwolf retten. Mit weißen Panälen und dem doppelten Faltenwurf des rosa Vorhangs verbesserten sie die Akustik, so dass Vorträge nun ohne Mikro gehalten werden. Das Grün der Bäume vor den Fenstern des Saales holten sie ins Innere, indem sie die Stühle in diversen grün Schattierungen lackierten. „Wir wollten, dass die Studenten animiert werden, den Raum wahrzunehmen. Sie in eine Stimmung versetzen, in der sie besser lernen können.“ Frühlingsgefühle eben. Judith Kessler

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