Zeitung Heute : Frühling Zweiter

Beiden ist der Partner gestorben, sie dachten: Eine neue Liebe kann es für mich nicht geben. Die Geschichte einer behutsamen Annäherung.

In schweren wie in schwersten Zeiten.
In schweren wie in schwersten Zeiten.

Sie sind eigentlich zu viert an diesem Tag. Marion und Kalle sitzen in ihrem Arbeitszimmer, sie klicken sich am Computer durchs Internet. Die 55-jährige Friseurmeisterin mit dem kurzen blonden Haar sucht nach Ballett- und Opernaufführungen in Berlin, ihr Freund, ein leidenschaftlicher Segler, interessiert sich für die neuesten Boote.

Über den beiden wachen derweil zwei stumme Beobachter. Aus einem orangefarbenen Bilderrahmen lächelt Gerhard zu dem Paar herunter, daneben hängt in einem schwarzen Rahmen ein Foto von Ingrid.

Ingrid und Gerhard – zwei Tote, ohne die diese zwei Lebenden nie im selben Arbeitszimmer sitzen würden. Kalle, 61, und Marion haben sich ein Leben mit ihnen eingerichtet, für sie ist es normal, dass die Porträts der verstorbenen Partner an der Wand hängen und sie gemeinsam deren Gräber besuchen.

Das war nicht immer so. Als Kalle 1989 seine Ingrid auf einer Silvesterparty in Mitte kennenlernt, küssen sie sich noch am selben Abend. Seit dieser Nacht wissen sie, dass sie gemeinsam alt werden wollen. 2007 diagnostiziert der Arzt bei Ingrid Bauchspeicheldrüsenkrebs. Die Ausbreitung des Karzinoms lässt sich zwar eindämmen, aber nicht aufhalten. Inoperabel, sagen die Mediziner.

In den folgenden Monaten dosiert Kalle Ingrids Medizin, füttert und windelt sie. Und er hofft. Auch noch als die Palliativmedizinerin erklärt, in vier Tagen wird Ihre Frau sterben. Am 2. März 2008 verstirbt Ingrid. Kalle trifft das, trotz allem, völlig unvorbereitet. Bis zuletzt hat er gehofft, dass alles wieder gut wird.

Marion und Gerhard küssen sich das erste Mal 1992. „Wums“ trifft es Marion, als Gerhard auf dieser WG-Party in der Potsdamer Straße plötzlich vor ihr steht. Nach drei Jahren heiraten sie. Zehn Jahre später entdeckt der Arzt einen zwei Zentimeter großen Gehirntumor hinter Gerhards linkem Augapfel. Marion hofft auf ein Wunder. Gerhards Tumor wächst. Sie pflegt ihn. Fährt ihn morgens in die Charité zur Chemotherapie. Geht danach in den Salon, um zu arbeiten.

Bankvollmacht, Vorsorgevollmacht, minutiös notiert sie, was sich Gerhard wünscht: keine künstliche Ernährung, ein Gartenfest zu seinem Geburtstag im August. Stattdessen gibt es Pommes mit Ketchup im Krankenhaus. Vom Sterben ist nie die Rede. Das wollen sie nicht wahrhaben. Es heißt nur: Falls irgendwas ist … Gerhard stirbt am 16. August 2008.

Nach Ingrids Tod kann Kalle nicht mehr einschlafen, zieht vom Ehebett auf die Couch ins Wohnzimmer. Der Fernseher läuft nachts ununterbrochen. Kalle braucht Stimmen um sich, sieht auf Phönix, wie sich im Saarland die erste Jamaika-Koalition bildet und die Republikaner John McCain in den Wahlkampf um die Präsidentschaft schicken. Er hört „Der Weg“ von Herbert Grönemeyer. „Wir waren verschwor’n, wärn füreinander gestorben, hab’n den Regen gebogen, uns Vertrauen gelieh’n. Wir haben versucht, auf der Schussfahrt zu wenden. Nichts war zu spät, aber vieles zu früh.“ Kein anderer Song erzählt so von Ingrid, denkt er. Und weint.

Marion legt sich am Tag von Gerhards Tod nachts in ihr Ehebett. Einfach liegen bleiben, einfach einschlafen wie Gerd. Denkt sie. Und greift nach dem zweiten Kopfkissen, hält es fest umklammert, riecht daran. Sie nennt das „Schnüffelphasen“, sie helfen ihr über die nächsten Monate. Zu Hause muss sie nicht funktionieren wie bei der Arbeit im Salon. Manchmal quält sie sich, spielt die Klavierkonzerte von Ludovico Einaudi, Gerhards Lieblingskomponisten, bis der Schmerz nicht mehr auszuhalten ist.

Sieben Monate lang kann Kalle nicht richtig schlafen. Die Arbeit, den Alltag packt er nicht. Einmal rafft er sich auf, fährt in die Werkstatt, um an dem 11,40 Meter langen Segelboot zu bauen. Das war für ihn und Ingrid gedacht. Er starrt auf das Boot, zieht den Blaumann wieder aus, eine Viertelstunde später ist er zurück zu Hause.

Eine Bekannte rät ihm, eine Trauergruppe zu besuchen. Er geht hin. Von September bis Dezember 2008 besucht er das Christophorus-Hospiz in der Manfred-von-Richthofen-Straße. Sich mit Freunden zu treffen oder mal ins Restaurant zu gehen – das kann er langsam wieder. Im Februar 2009 besucht auch Marion so eine Trauergruppe im Hospiz. In dem Raum sind Stühle im Kreis aufgestellt. In der Mitte ein Tisch mit Blumen und Kerzen. Marion zieht das Bild von Gerhard aus der Tasche, das sie mitbringen sollte. Die Trauerbegleiterin reicht Marion eine Kerze. Sie zündet sie an, sagt „ich“, stockt, sagt noch mal „ich“ und beginnt zu weinen.

Sie hört den Geschichten der anderen Teilnehmer zu, eine Frau aus der Gruppe hat Mann und Kind verloren. Sie denkt, das ist noch schlimmer. Nach der dritten Sitzung kann Marion leise sagen: „Ich trauere um Gerhard.“ Und stellt die Kerze neben sein Foto auf den Tisch.

Am 27. April 2009 fragt die Trauerbegleiterin die Teilnehmer der Gruppe, ob sie sich eine neue Beziehung vorstellen könnten. Marions Gefühle rebellieren. Einen anderen Mann? Nie. Es ist das letzte Treffen, abends wollen sie im La Lampara, einem italienischen Restaurant, Abschied feiern. Auf dem Weg sagt die Trauerbegleiterin zu Marion: „Ich kenne da jemanden, das würde passen.“ Sie hat Kalle zum Essen eingeladen, der vor Marion in ihrer Gruppe war. Den ganzen Abend sitzt er links neben Marion. Sie bestellt Wein, er Bier. Mit Marion redet er über Ingrid, sie erzählt ihm von Gerd. Körperliche Nähe mit jemand anderem, das geht nicht, der eigene Körper ist wie abgestorben, stimmen sie sich zu.

Zwei Wochen später treffen sie sich zufällig in einem Theater in Mitte. Beide haben Karten für die Lesung von Eric-Emmanuel Schmitts „Oskar und die Dame in Rosa“, die Geschichte eines zehn Jahre alten Jungen, der weiß, dass er an Krebs sterben wird. Nach der Lesung gehen Marion und Kalle in eine Bar, er legt ihr seine Jacke über die Schulter, weil ihr kalt ist. Und erzählt ihr, wie am Tag nach Ingrids Tod eine Mücke durch das offene Fenster ins Esszimmer flog und sich an der Wand niederließ. Bist du das, Ingrid, überlegte er und brachte es nicht fertig, sie zu töten. Absurd, das weiß er, aber ein Wiedersehen mit Ingrid, ohne genau zu wissen, wie das aussehen soll, das stellt er sich schon vor.

Marion weiß, was er meint. Wenn die Sonne wie ein roter Ball aufgeht, sagt sie, dann denkt sie, dahinter steckt Gerhard. Weil die Sonne genauso aussah, als er starb. Nach drei Stunden in der Bar verabschieden sie sich. Marion denkt, das möchte sie öfter erleben. Ende Mai will Kalle ins Kino und fragt Marion in einer E-Mail, ob sie mitkommt. Sie sagt zu. Auf den Film kann Kalle sich nicht konzentrieren. Nervös reibt er sich die Hände an den Hosenbeinen und denkt an Ingrid. 19 Jahre lang ist er mit ihr ins Kino gegangen. Bei jeder Vorstellung haben sie Händchen gehalten.

Kalle und Marion treffen sich seit dem Kinobesuch fast jede zweite Woche. Er zeigt ihr sein Segelboot, sie laden sich gegenseitig nach Hause ein, sie fahren nach Potsdam und spazieren im Schlosspark Sanssouci. Einmal nimmt Kalle sogar Marion in den Arm. Sie fühlt sich beseelt von den Gesprächen, aber küssen, das geht lange nicht.

Beide finden, dass ihre Wohnungen, die eine im Tempelhofer Fliegerviertel, die andere in Lichtenrade, eigentlich viel zu groß und viel zu teuer für einen Single sind. Marion will einen Untermieter suchen. Stattdessen zieht Kalle bei ihr ein. Nur auf Probe. Fünf Tage schläft er in der Dachstube, Marion in ihrem Ehebett, nichts passiert. Kalle zieht zurück nach Lichtenrade. Im Juli 2009 verreisen sie für drei Tage. Wollen zelten und paddeln in Mecklenburg und landen ausgerechnet auf einem FKK-Campingplatz. Das wusste ich nicht, schwört Kalle. Marion scherzt, zum Glück ist es viel zu kalt. Und endlich küssen sie sich.

Kalle geht mit Marion auf den Friedhof. Anfangs finden sie es komisch, dabei Händchen zu halten. Marion beugt sich über Gerhards Grab. Sie weint und Kalle, der direkt hinter ihr steht, denkt, mit jemand anderem wäre das nicht so leicht. Als Marion das erste Mal mit zu Ingrids Grab geht, fühlt sie sich Kalle noch mehr verbunden. Ingrid weiß über uns Bescheid, glaubt sie.

Im Sommer 2010 zieht Marion in Kalles Wohnung nach Lichtenrade. Diesmal nicht auf Probe. Vier Zimmer, Küche, Bad. Im Arbeitszimmer hängen sie die Bilder von Gerhard und Ingrid direkt nebeneinander auf und stellen zwei Schreibtische darunter. Marion bezieht das frühere Wohnzimmer, bringt Gerhards Fernsehsessel mit und ein Gemälde von sich und ihrem Mann in Cornwall. Kalle richtet sich im alten Schlafzimmer ein. Beide haben ihren eigenen Raum und einen gemeinsamen Rhythmus. Tagsüber schaut Kalle in Marions Zimmer fern und nachts schläft sie mit in seinem Zimmer.

Zwei Jahre zuvor hätte Kalle nicht geglaubt, dass er sich noch einmal verlieben kann. Die Trauer geht nicht weg, sagt er, aber man lernt mit ihr zu leben. Sie wird weicher und milder, sagt Marion. Im August 2010 feiern sie Gerhards Geburtstag. Kalle stellt ein Partyzelt im Garten hinter dem Haus auf. Gerds Freunde und Familie kommen, bringen Kartoffel- und Nudelsalat – wie Gerhard es sich gewünscht hat. Zu Ingrids Geburtstag gehen sie in eine Pizzeria. Ich nehme meiner Frau nichts weg, sagt Kalle. Irgendwie sind die zwei immer da und passen auf uns auf, sagt Marion.

Und wenn Kalles Boot fertig ist, das hat er sich versprochen, will er mit Marion über die Ostsee segeln.

Autor

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar