Frühlingsmode : Gelb steht nicht jedem

Frühühü … hü … hüa … hatschi!! … hüling lässt sein blaues … und so weiter. Es ist wieder so weit, er steht vor der Tür, der Frühling, die grässlichste aller Jahreszeiten.

Christine Lemke-Matwey
Christine Lemke-Matwey.Foto: Mike Wolff

Das heißt, eigentlich steht er mehr vor meinem Bürofenster, in Gestalt zweier tückisch sich wiegender Birken. Noch tragen die Biester kaum Troddeln, noch sind sie keusch und kahl, als wär’s ein Bild von Klimt, doch mich täuschen sie nicht: Ich wittere längst, wie gierig ihre Wurzeln Wasser ziehen, wie die Säfte in kleinste Zweiglein schießen – und wie die Bäume der anstehenden „Mastblüte“ förmlich entgegengeilen. Jawohl, liebe Mit-Allergikerinnen und Mit-Allergiker, Sie lesen richtig: „Mastblüte“. Kommt bei Birken alle zwei Jahre vor, muss man sich vorstellen wie Mastschweine oder Mastochsen, nur als Pollen. Feiste fette Mastpollen, die sich, als seien sie noch nicht fett und feist genug, auf meinen Nasenschleimhäuten weiter mästen wollen. Doch, vor dem Frühling graust es mir.

Geerbt habe ich die Allergie von meiner Mutter, die ihrerseits, wie sie immer wieder gerne erzählt, davon ereilt wurde, als sie mit mir als Baby durch eine hochsommerliche Blumenwiese spazierte. Ich bin also (selber) schuld, ja Mama.

Wofür ich allerdings nichts kann, ist die Tatsache, dass sich ausgerechnet zur heurigen Mastblüte jene abscheuliche Mode aus den 60er Jahren zu wiederholen scheint, die schon meine Mutter auf der Wiese trug. Sorbetfarben wie Apricot, Mint, Flieder und Citrus, die einen auch ohne schwere Bindehautentzündung schwer krank aussehen lassen, Paisley- und Blümchenmuster, als herrschte eine Laura-Ashley-Diktatur, und all das auf winzige Träger-, Etui- und Jerseykleidchen appliziert, so dass man sich fragt, seit wann erwachsene Frauen eigentlich ohne Schultüte auf die Straße dürfen.

Das Schlimmste aber ist das Gelb. Wer nicht Sorbet trägt, trägt Gelb. Gelbe Blüschen, gelbe Höschen, gelbe Mützchen, gelbe Schühchen. Gelbe Streifchen. Kanarienvogelgelb. Honigbienengelb. Reclamgelb. Gelb wie Bihihi … hi … hia … hatschi!! … hirkenpollen. Gelb wie der Neid? Neid auf alle, die das problemlos tragen können, weil sie der Schneewittchentyp sind, ebenholzschwarzes Haar, kirschrote Lippen, Alabaster- teint? Nein, kein Neid. Nur eine kleine verzweifelte Wut auf all die rücksichtslosen Zwerge und Königssöhne der Modebranche, die sich so etwas ausdenken.

Der Abschied von der Stange ist freilich auch nicht ohne. Ich habe inzwischen drei Designer verschlissen, die sich bereit erklärten, mir etwas auf den Leib zu schneidern, zwei weibliche und einen männlichen, und sie können es alle nicht. Die erste sagte, sobald sie zu viele Maße nähme, würd’s nur schief und krumm; der Anzug, den sie mir nähte, passte so passgenau („diese Silhouette!“), dass ich das leibliche Atmen vorerst einstellen musste (was sich allergietechnisch ohnehin empfiehlt). Der zweite nähte mir eine Hose so hart wie ein Brett – nach dem ersten Waschen würde diese bütterkenweich werden, was sie tatsächlich wurde, allerdings auch bütterkenklein. Und die dritte mochte es an mir gerne etwas geräumiger, weshalb alle ihre Teile locker hätten halbiert werden können; prompt führten Änderungsarbeiten an einem Hemd dazu, dass dessen an sich originelle Brusttaschen am Schluss unter meinen Achselhöhlen saßen (was sich, schnäuztechnisch, für Allergiker wiederum nicht so empfiehlt).

Also doch lieber gelb und zurück zur Stange? Ich glaube, ich warte einfach, bis die Birken durch sind. Dann blühen irgendwann die Gräser und dann das beifußblättrige Traubenkraut Ambrosia, und spätestens dann hängt in den Läden glücklich die Herbstkollektion.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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