Zeitung Heute : Frühstücke wie ein Kaiser!

Von Esther Kogelboom

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Falls es Sie interessiert: Ich frühstücke meistens im Tiergartentunnel, fahrend. Meine alte Schulfreundin, die das letzte Mal vor zehn Jahren zu Besuch war, frühstückt dagegen gern „entspannt“ und „ausgiebig“ – was für mich der Horror ist. Denn „entspannt“ und „ausgiebig“ bedeutet für sie vor allem, am Wochenende stundenlang zu „brunchen“.

Also reisten wir auf ihr Geheiß nach Friedrichshain, in die Simon-DachStraße. Vor sehr langer Zeit habe ich einmal in der Nähe gewohnt; es war damals eine sympathisch verlotterte Gegend, in der viele junge Menschen lebten und es nach Hundekot stank. Heute gibt es dort nur noch minderjährige Easyjet-Touristen, hektische Studenten, Tagesausflügler aus den Neubaugebieten und eben Profi-Bruncher, die sich um die Wette entspannen. Neben der Hundescheiße haben irre Wirte für diese anspruchslose Klientel Brunchbuffets errichtet.

Meinen Beobachtungen zufolge geht es bei der Errichtung eines Brunchbuffets darum, mit Hilfe raumgreifender, theoretisch essbarer Dekoration davon abzulenken, dass die Bestandteile des Buffets ineinander übergehen wie sonst nur innerhalb eines gesunden Körpers. Zum Beispiel: Reste einer angebrannten Waffel liegen im Couscous-Salat, Bulettenbröckchen surfen über Konfitüregläser, knusprige Eierschale würzt den Obstsalat aus der Dose.

Für acht Euro konnte man davon so viel essen, wie man wollte. Ich aß ein Brötchen mit Konfitüre und Bulettenbröckchen. Danach war ich bereit, das Lokal zu verlassen, in dem es selbstverständlich auch Wireless Lan gab und Gratispostkarten, die kein Mensch mehr braucht. Doch meine alte Schulfreundin rief: „Frühstücke wie ein Kaiser! Du solltest dir noch ein Stück Kuchen holen, sonst rentiert sich das nicht.“ Dann wurde ich Zeugin, wie sie eine komplette Bananenstaude in ihre Handtasche gleiten ließ, „für später“.

Auf den Nachbartischen stapelte sich schmutziges Geschirr, zwischen Mobiltelefonen und zerknüllten Servietten lagen abgenagte Hühnerbeine und leere Zigarettenschachteln. Ein Frühstücksbuffet muss man wohl aussitzen.

Die All-you-can-eat-Idee erinnert mich an meine liebe Oma, die übrigens den Frühstücks-Kaiser noch erlebt hat. In ihrer Sprache gibt es unzählige, diese Mentalität reflektierende Sprichwörter: Beter den Buk dran riskiert als et guje Grei verdörwen (Lieber Bauchschmerzen riskieren, als Essen verderben lassen), Kass quieken of quaken, has en Gros gekos, jetz musse ok smaken (sinngemäß: Ich bin satt, aber das Essen war teuer, also rein damit). Meine Oma schlürft seit Jahrzehnten jeden Morgen Papp – Haferschleim mit Zwieback und Zucker. Es hat ihr nicht geschadet, im Gegenteil.

Ich glaube, einen Trend zu erkennen, was selten genug vorkommt. Er geht eindeutig weg von aufgeschäumten Brunchbuffets und hin zum Papp mit Filterkaffee. Das ist die Avantgarde! Fürs Auto werde ich mir einfach einen Henkelmann besorgen und im Schutz des sensationellen Tiergartentunnels Papp schlürfen.

Abends schlug meine Schulfreundin vor, in den „Tresor“ zu gehen. „Gibt’s nicht mehr“, sagte ich. „Und was ist mit dem E-Werk?“ – „Gibt’s im Prinzip auch nicht mehr.“ – „Gut, wie wär’s dann mit dem illegalen Keller in der Auguststraße?“ – „Gibt’s nicht mehr.“ Frustriert begann sie, eine Banane zu schälen.

Wenn sie in zehn Jahren wiederkommt, wird es die Simon-Dach-Straße nicht mehr geben.

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