Zeitung Heute : Frühstücken gehen

Susanne Kippenberger

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Brigitte Mira hat viele Freunde gehabt. Eberhard Diepgen und Ruth Maria Kubitschek, Romy Haag und Otto Sander, Helmut Baumann und Jürgen Flimm – und das Café am Hagenplatz. „Wir haben unsere Freundin verloren“, stand über der riesigen Anzeige, in der neben all den berühmten Namen auch das Café am Hagenplatz zu finden war. Dort, nicht allzu weit von ihrer Wohnung entfernt, war die Schauspielerin wohl gern, gab Interviews und hielt Hof. „Wenn sie irgendwo hinkam“, meint Cherno Jobatey, „gehörte der Raum ihr.“

Im Café am Hagenplatz war das nicht schwer, der Raum war klein. Früher war ich ein paarmal zum Frühstücken da und fand es – gewöhnungsbedürftig. Die Einrichtung hätte auch gut nach Reutlingen gepasst, und ein Stammtisch unterhielt sich immer so weit unter Stammtischniveau, dass ich mir das Frühstücken dort schnell wieder abgewöhnt habe. Jetzt dachte ich, versuche ich’s noch mal, und siehe da, es sah ganz anders, edler aus: ein bisschen schwülstig vielleicht mit all dem Rot, Gold, Braun. Auch die Bedienung hat sich gewandelt, selbst wenn man kein lauter Stammgast ist, wird man freundlich behandelt. Die Brötchen waren knusprig, das Brot kernig, die Salami hauchdünn. Und der Kuchen ist noch besser, der Laden gehört nämlich zum Betrieb des Manfred Otten, der unter anderem das Opernpalais versorgt und das Café am Roseneck. Hier wie dort kann man West-Berlin beobachten. Sehr blonde Damen mit Sonnenbrille und wattierten Jacken, unerzogenen Hunden, die Patricia heißen und gleich hinter der Kuchentheke verschwinden, gegelte Männer mit gelbem Schlips.

Lustigerweise war ich am Abend vorher an einem anderen Traditionsort West-Berlins gewesen: im Theater am Kurfürstendamm. Sieht aus wie früher, und das Publikum ist so alt wie die Schauspieler jung. Unter der Leitung von Brigitte Miras Freund Helmut Baumann spielt die Truppe mit so viel Schwung und Herz und Können „Swinging Berlin“, wie man’s am Broadway auch nicht besser geboten kriegt (nur teurer), so dass es schade wäre, wenn nicht auch ein paar Neu-Berliner sich hierher begeben würden.

Wiener am Hagenplatz, Hagenplatz 3, Tel. 897 293 60. Theater am Kurfürstendamm, Kurfürstendamm 206/209, Tel. 885 911 88.

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