Zeitung Heute : Frühstücksschokolade: Nutella und seine süßen Freunde

Thomas Platt

Schokolade hat für die meisten Kinder längst ihren Belohnungscharakter verloren; seit sie bereits zum Frühstück verzehrt wird, ist sie ebenso gewöhnlich wie Honig und Marmelade. In der Frühe gibt es einfach noch nichts zu honorieren, es sei denn, Eltern zählen es zu den Leistungen ihrer Zöglinge, wenn diese rechtzeitig aus den Federn kommen. Deshalb bedurfte es einiger Anstrengungen seitens der Nahrungsmittelindustrie, um elterliche Bedenken gegen die Frühstücksschokolade beiseite zu wischen.

Etwas früher schon hatten Kaba und Nesquick, kaltlösliche Kakaomixturen, die Front aufgeweicht und nebenbei dem Glas nackter Milch sowie der gefürchteten Ovomaltine den Garaus gemacht. Von dort aus war es nur ein Schritt zur endgültigen Schokoladisierung der morgendlichen Stärkung, die mit dem Auftreten von Nutella gleich im doppelten Sinn des Worts zementiert wurde. Der norditalienische Süßwarenspezialist Ferrero bediente sich dabei eines ausgefuchsten Marketings, das in zwei Richtungen zielte. Einmal nutzte man die Vorliebe der Kinder für Marken, die aus einem instinktiven Misstrauen resultiert. Die Kleinen wissen nämlich ganz genau, dass ihre häuslichen Vorgesetzten ihnen gerne einmal etwas Billiges als wertvoll verkaufen wollen und kontern darum die elterliche Sparsamkeit mit obstinat vorgebrachten Marken-Wünschen. Zum andern lieferte der staatlich geprüfte Lebensmittelchemiker Prof. Dr. rer.nat. Fresenius, den Spötter als Dr. Mabuse seiner Branche bezeichnen, die erforderliche Unbedenklichkeitsbescheinigung in Form eines Siegels, das auf sorgenvolle Erzieher Eindruck machen soll. Der Coup gelang: Nutella wurde schließlich zum bekanntesten italienischen Konsumartikel hierzulande und überdies noch zur deutschen Leitcreme, an der sich die Konkurrenz seither abmüht.

Unsere Studien auf dem Gebiet der Nuss-Nougat-Creme nähren sich von Italienurlauben in den späten 60er Jahren, wo diese Brotaufstriche in den Kaufhausketten "standa" und "upim" entdeckt wurden. Folglich hatten sich durchweg Über-Experten eingefunden, als die ersten Gläser aufgeschraubt wurden. Mit "Bio Choco Praliné" (Molen Aartje Naturproducts) und "Chocoreale Haselnußpasta" (Naturproduts BV) kamen uns zwei Produkte in die Quere, die unser Gusto fürs Gesamte schärften. Alle Unarten, die aus der Verbindung von Fett, Nuss und Kakao erwachsen können, waren hier beispielhaft versammelt: Starrender Zucker, viel Pflanzenfett und ein heftig vanillisiertes Aroma, das irgendwo zwischen Instantkaffee und, anders lässt sich das kaum sagen, leicht versengtem Kunststoff seinen Gipfel suchte, machte alle Tester erst einmal mutlos. Gottlob flößte dann "Salabim Nuss-Nougat-Creme" (Bruno Fischer), deren mehlig-breiige Konsistenz und hohe Dichte bei relativ hell eingebrachter Schokolade über den recht gering ausgebildeten Haselanteil ein wenig hinwegtäuschte, erneutes Zutrauen zum Thema ein, zumindest, was die weiteren Provenienzen aus den Naturkostläden (am preiswertesten war "Bio Company Shop", eine Art Supermarkt für Gesundheitsbewusste) betraf. Aus dieser Quelle stammten auch "Samba Haselnuß-Schoko-Creme" (Rapunzel Naturkost), das identische "Bio Granotine" (Pur Aliment) sowie "granoVita Hasel-Nougat-Creme" (DE-VAU-GE Gesundkostwerk). Gemessen an Nutella, an dem sich ja in dieser Frage alles überprüfen lassen muss, fiel bei der letzteren sofort eines in den Gaumen: Klare Ausrichtung auf Nuss plus einer im vielen Fett nicht untergehenden Schokolade.

Bei Granovita, dem man sich ruhig anvertrauen kann, stach bei bestem Geruch dann doch ein etwas schales Fett heraus, wohingegen Samba mit seinem gelungenen Gleichgewicht aus vernehmlichem Rohrzucker, solidem Kakao und überragendem Haselnussgeschmack einnahm. Samba kaufen und schauen, was passiert, rieten wir in Gedanken allen Erziehungsberechtigen, denn ihm allein trauen wir zu, dass es Anklang finden könnte bei der Nutella-Jugend. Allenfalls das mittelbraune "Mövenpick Gourmet-Frühstück zart-herb" aus dem Feinkostregal wäre wegen seines reinen Nougattons, der die doch große Süße gewissermaßen nobilitiert, eine Alternative. Alle Cremes gewinnen übrigens, wenn man sie mit einer Unterlage aus gesalzener Butter auf besten Baguette - beispielsweise von "Point Chaud" - verzehrt. "Milky Way" und "Zentis Nusspli" sind die Hauptkonkurrenten von Nutella im Supermarkt, und wir verstanden schnell, warum sich der Marktführer ihnen gegenüber so souverän behauptet: Beide tun des Süßen zuviel, und darüber verlieren sich Nuss und Kakao. Nutella selber, zu dem es auch ein ziemlich spaßiges Kochbuch gibt, ist in seinen Bestandteilen so geschickt austariert, dass lediglich ein leicht karamelliges Nougat-Aroma in Erinnerung bleibt. Allerdings gefiel uns das ebenfalls pappsüße "Nudossi", das früher nur östlich der Elbe verbreitet war, einen Tick besser, weil es erheblich nussiger daherkommt. Schlussendlich wandten wir uns drei Pasten zu, die eher für Erwachsene geeignet sein dürften. "La vera crema - Gianduja" (Stroppiana Torino), "Mousseline Chocolat-Praliné" (Charlemagne) und "Coulis de Chocolat" (Côte de France) stammten aus der Confiserie Mélanie und wurden den Ansprüchen gerecht, die wir an Waren von dort stellen.

"Tote essen auch Nutella, nur nicht ganz so viel", hat einmal ein verzücktes Kind gesagt. Nach unseren Erfahrungen sollten Lebende es nur bis zu einem bestimmten Alter zu sich nehmen.

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