Zeitung Heute : FU-PRÄSIDENTSCHAFT: Eine Wahl für die Zukunft

HERMANN RUDOLPH

Die Universität, so wurde klar, ist längst in eine neue Zeit eingetreten.Seitdem das westliche Berlin, von dem die Freie Universität ein wichtiger, ja, konstituierender Teil war, in das vereinigte Berlin eingegangen ist, kann die Dahlemer Hochschule ihre Rolle nicht mehr allein aus ihrem freiheitlichen Erstgeburtsrecht ableiten.Sie muß sie aus sich selbst und aus dem, was sie zu bieten hat, gewinnen - also aus ihrer Leistung und aus der Konkurrenz mit den anderen Hochschulen, nicht zuletzt der alten, von Grund auf reformierten Berliner Universität Unter den Linden.Dieser Schritt in die Freiheit von Wettbewerb und Selbstbehauptung inmitten der veränderten Berliner Universitätslandschaft hat zwar schon ihren Weg in den neunziger Jahren bestimmt.Nun, mit der heutigen Wahl des neuen Präsidenten, der auch erstmals eine Präsidentin sein kann, beginnt für diese Neudefinition ihres Selbstverständnisses eine neue, für ihre Zukunft entscheidende Phase.

Aber in Veränderung befindet sich die deutsche Universität selbst.Unter dem Druck des Massenbetriebs, der Spezialisierung der Fächer und stagnierender Haushalte ist der Boden, auf dem sie steht, erodiert.Überdies ist die Bildungspolitik - erst vernachlässigt von den Politikern, dann bestraft vom Desinteresse der Öffentlichkeit - seit Jahrzehnten in die Defensive geraten.Dabei hat die Bundesrepublik immer wieder beachtliche Anstrengungen unternommen, um die Universitäten und das Bildungswesen insgesamt in der modernen Gesellschaft neu zu verankern - zumal in den viel und zu Unrecht gescholtenen sechziger Jahren.Aber was damals begonnen wurde, ist seither in steigenden Studentenzahlen, zunehmender Bürokratisierung und einer nicht mehr nachvollziehbaren, selbstbezogenen Verkomplizierung des Bildungswesens untergegangen.Wer steht nicht ratlos vor den Laokoon-Gruppen, die Professoren und Bildungspolitiker seit Jahren beim Ringen um Hochschulgesetze, Studienordnungen und Curricula abgeben!

Doch die Wahl an der FU fällt auch in eine Zeit, in der in den Hochschulen und um sie herum einiges in Bewegung gekommen ist.Die Politik - so scheint es - nimmt die Hochschulpolitik seit langem zum ersten Mal wieder ernst.Die Wissenschaftspolitik erschöpft sich nicht mehr im Lamentieren über die fehlende Mittel.Sie bemüht sich, den wuchernden Studiengängen mit neuen Abschlüssen wie dem Bachelor und dem Master ein paar Korsettstangen einzuziehen.Hochschulräte, gebildet von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens - in Berlin Kuratorien genannt - ,sollen der Gruppenuniversität, die die Universitäten zum Tummelplatz von internen Interessen gemacht hat, Korrektive setzen.Der Tanker Hochschulwesen, der lange unmanövrierbar inmitten der Gesellschaft lag, nimmt Fahrt auf - Richtung Effektivität, Entdifferenzierung von Berufsausbildung und wissenschaftlicher Tätigkeit, Zuarbeit für die Gesellschaft, neudeutsch Service genannt.

Oder täuscht der Eindruck? Wer immer heute gewählt wird: Es wird seine, es wird ihre Aufgabe sein, diese neuen Ansätze zu erproben.Er muß die Freie Universität nicht nur in der vielfältigen Wissenschafts- und Universitätslandschaft Berlins als produktives Zentrum von Bildung, Forschung und öffentlicher Debatte neu profilieren.Er muß sie auch zu einem Platz machen, an dem aus den keimenden Hoffnungen auf eine Erneuerung der deutschen Universität ein Stück Realität wird.

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