Zeitung Heute : Führe mich nicht in Versuchung

THEATER AM KURFÜRSTENDAMM Jochen Busse ertlaubt sich einen Seitensprung in der Komödie „In jeder Beziehung“

UDO BADELT

Wer erst mal 24 Jahre verheiratet ist, stellt vieles gar nicht mehr infrage. Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss – lang und langweilig. Leah und Paul jedenfalls geht es so, bis ihre besten Freunde aufkreuzen und ihnen einreden, sie müssten noch mal so richtig die Sau rauslassen. Da vereinbaren die beiden, dass jeder von ihnen einen Seitensprung machen darf – aber nur einen! Man kann sich leicht ausmalen, dass damit die Verwicklungen erst anfangen, aus denen Lars Albaum und Dietmar Jacobs die Komödie „In Jeder Beziehung“ gestrickt haben. Am 12. Juli hat das Stück Premiere im Theater am Kurfürstendamm.

Fremdgehen will gelernt sein

Ist das das dominierende Thema in der Generation um die 60? Das nagende Gefühl, etwas verpasst zu haben mit der Festlegung auf einen Partner, die Fülle des Lebens und seine Möglichkeiten nicht genug ausgeschöpft zu haben? „Zumindest werden wir von allen Seiten darauf aufmerksam gemacht, dass es so sein könnte“, sagt Jochen Busse, selbst 69, der im Stück den Banker Paul spielt. „Und wir sind die erste Generation, bei der das passiert.“ Die Ehe, oder das, was wir dafür halten, verändert sich. „Früher war es doch gar nicht denkbar, über Trennung auch nur zu reden. Oma und Opa blieben zusammen, haben sich angegiftet und den anderen erst dann wieder richtig wahrgenommen, wenn er tot war. Wir wissen, dass die Liebe nicht bleiben kann. Muss ich diesen Trott noch mitmachen?“

Jochen Busse weiß, wovon er spricht. Er hat zum vierten Mal geheiratet und ist deswegen auch vor drei Jahren nach Berlin gezogen. Jetzt sitzt er im Café Dressler am Kurfürstendamm, gleich neben den Ku’damm- Bühnen, und genießt die hellen Junitage in der Stadt. So vielfältig wie sein Eheleben ist auch seine Karriere, in der Berlin immer eine wichtige Rolle gespielt hat. Fast alle seiner „Scheibenwischer“-Sendungen wurden hier aufgezeichnet. Jochen Busse ist als Kabarettist und Komiker auf der Bühne und im Fernsehen gleichermaßen präsent. Er begann auf den Brettern der Münchner Kammerspiele und übernahm anfangs im Fernsehen vor allem ernste Polizistenrollen. „Alle jungen Leute bekommen ernste Rollen, weil ihnen keiner etwas anderes zutraut“, sagt Busse. Erst der Regisseur Kurt Wilhelm, der in den 70er Jahren mit dem „Brandner Kasper“ in München Erfolge feierte, brachte ihn auf die für ihn richtige Bahn. In der ZDF-Serie „Mordkommission“ sollte Busse einen Kriminalassistenten spielen, Wilhelm meinte zu ihm: „Ich hätte mir die Rolle komischer gedacht“, und als dann noch Charlotte Kerr, später Ehefrau von Friedrich Dürrenmatt, zu ihm sagte: „Sie haben einen ganz eigenen Humor, zwischen Ernst und Komik“, da war klar, dass Jochen Busse seinen trockenen Humor zum Markenzeichen ausbauen würde. Bis heute ist er überzeugt, dass Humor nur entsteht, wenn er eine ernste Basis, einen Bezug zur Realität hat.

Sein Markenzeichen: der trockene Humor

Wenn er an die Zukunft des Volkstheaters denkt, wie es die verstorbene Heidi Kabel repräsentiert hat, wird er ebenfalls ernst. „So ein Theater gibt es nicht mehr“, bedauert er. „Früher sah sich das Fernsehen, vor allem die dritten Programme, verpflichtet, diese Sendungen aufzuzeichnen, das wird heute nicht mehr gemacht. Das Feuilleton hat das Volkstheater immer als reaktionär und populistisch ignoriert, dabei ist es eine Kunstform, die viel Positives zum Ausdruck bringt. Doch sie verkommt zur Bedeutungslosigkeit oder landet bei Mario Barth.“

Aber Jochen Busse weiß, dass solch ein Kulturpessimismus wohlfeil ist und die Dinge sich auch wieder ändern können. Trotzdem blickt er gerne zurück, vor allem auf seine zehn Jahre bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft: „Das war mein Stil, das hat mich geprägt. Dieter Hildebrandt ist ein wunderbarer Mensch, genial und hochklug, identisch mit seinem Bühnen-Ego. So wie er auf der Bühne wirkt, ist er wirklich.“ Aus dieser Münchner Zeit entwickelte sich für Jochen Busse im Grunde alles Weitere: die Mitwirkung beim „Scheibenwischer“, die Kabarettauftritte im Fernsehen, die Moderation von Sendungen wie „7 Tage, 7 Köpfe“ mit Rudi Carrell. „So ist das eben“, sagt er und lächelt, „biste da und erhältlich, dann biste auch erfolgreich.“ Klingt ganz so, als würde das auch für die Ehe gelten. UDO BADELT

Premiere 12.7., 20 Uhr;

Vorstellungen 13.-17., 20.- 24. und 27.-31.7., jeweils 20 Uhr; 18. und 25.7., 18 Uhr

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