Zeitung Heute : Führerlos – aber kampfbereit

Der Tagesspiegel

Von Elke Windisch, Moskau

Ihr erklärtermaßen wichtigstes Kriegs- ziel, heißt es in der islamischen Welt, hätten die USA in Afghanistan bislang nicht erreicht. Wohl wahr: Ausgezogen war Washington, um Osama bin Laden zur Strecke zu bringen. Tot oder lebendig. Ein Unterfangen, das angesichts der bergigen Reliefs und eines weit verzweigten Höhlensystems, an dem sich schon die sowjetischen Besatzer die Zähne ausbissen, so erfolgversprechend ist, wie Bemühungen, die berühmte Stecknadel im Heuhaufen zu suchen. Entsprechend dürftig sind daher die vorzeigbaren Ergebnisse. Obwohl viele ihn angeblich gesehen haben. Spekulationen, die schon allein durch die Gleichzeitigkeit seines Erscheinens an Orten, zwischen denen mehrere tausend Kilometer liegen, ins Reich der Fabel verweisen.

Den Erfolg bei der Terroristenbekämp- fung von der Ausschaltung eines Einzel- kämpfers abhängig zu machen, erscheint ohnehin sinnlos. Jeder ist ersetzbar, und die Gefahr, die extremistische Organisationen darstellen, geht dazu weniger von ihren Führern aus, als vielmehr von Missständen – wirklichen und imaginären – zu deren Bekämpfung sie sich zusammenrotteten. Das gilt auch für Afghanistan.

Die Entwicklungen zeigen, dass Al Qaida und Taliban auch ohne ihre Führer zu durchaus ernst zu nehmendem Widerstand fähig sind. Die gegenwärtig in Ostafghanistan laufende Operation „Rebhuhn“ ist bereits die dritte seit dem offiziellen Ende ihres Regimes. Und nach Lage der Dinge keineswegs die letzte. Anfang April wurden in Kabul mehrere hundert Aktivisten der Hizbeislami verhaftet – Anhänger der Partei von Ex-Premier Gulbuddin Hekmatyar, der nach seiner Ausweisung aus Iran Ende Februar vermutlich in Ostafghanistan mit Resten von Al Qaida und Taliban kämpft, die zu Jahresbeginn in Pakistan eine neue Dachorganisation gegründet haben. Auf ihr Konto gehen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch mehrere Anschläge, darunter ein missglückter auf Verteidigungsminister Fahim Mitte April, sowie Flugblätter, in denen die UN-Schutztruppe Isaf aufgefordert wurde, das Land zu verlassen, weil „der Tag nicht mehr fern ist, an dem Afghanistan für die Amerikaner ein größeres Gräberfeld wird als Vietnam“. Sie dürften auch versuchen, die Wahlen zu der geplanten Loya Jirga zu stören und, wenn möglich, die Einberufung der Großen Ratsversammlung, die eine Übergangsregierung wählen und sich über Grundzüge einer Verfassung einigen soll, überhaupt zu verhindern.

Ein nicht zu unterschätzendes Risiko sind auch die ausländischen Söldner von Al Qaida und den Taliban. Araber, die Mitglieder von radikal-islamischen Vereinigungen sind, die in ihren Heimatländern verboten sind, Angehörige der verbotenen Opposition aus den zentralasiatischen Ex-Sowjetrepubliken, Tschetschenen und Uiguren aus dem muslimischen Westen Chinas. Entschlossen zum Tode, bei dem möglichst viele Gegner mit dran glauben sollen. Der Grund: Als Nichtafghanen haben sie bei Tauschgeschäften zwischen Taliban und der einstigen Nordallianz keinerlei Marktwert. Nach Hause aber können sie nicht. Dort wartet der Henker.

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