Zeitung Heute : Führung mit Persönlichkeit gesucht

Lorenz Maroldt

Franz Müntefering will sich im November nicht mehr als SPD-Parteichef zur Wahl stellen. Wäre Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck in der Lage, die Nachfolge anzutreten?

Der Text für die Stellenausschreibung könnte so beginnen: Führungspersönlichkeit für das schönste Amt nach dem Papst gesucht. So hatte Franz Müntefering einst den SPD-Vorsitz bezeichnet. Und weiter: Eine geringe Aufwandsentschädigung wird gezahlt, Schmerzensgeld ist selbst mitzubringen. Aber dann? Wohin soll der Neue die Partei führen? Ratlosigkeit ist zu spüren in der einst so stolzen SPD.

Platzeck. Platzeck soll es machen, sagen jetzt einige, viele, immer mehr. Aber freiwillig hätte der sich kaum gemeldet. Ist eben ein bisschen zurückhaltend, der Matthias Platzeck, der sich – ob aus Kalkül, ob aus Charakter – zum ewigen Zauderer stilisiert hat, zum Gefragten. Zum gefragt, ja gebeten werden Wollenden. Oberbürgermeister von Potsdam, Ministerpräsident von Brandenburg – da haben ihn, so die Wahrnehmung, immer andere stärker hinhaben wollen, als dass er sich hingedrängelt hätte. Das gilt allerdings strategisch auch als besonders subtile Art von Machterringungstaktik.

Außenminister hätte er zuletzt werden können, quasi der Freifahrtschein zum beliebtesten Politiker der Republik. Aber nein, sagte er, das ginge jetzt nicht. Da stünde er bei seinen Wählern im Wort. Er bleibe hier, vorerst, in Brandenburg.

Nun, da könnte er auch als Müntefering-Nachfolger bleiben. Falls er nicht auch noch dessen Ministeraufgaben – oder die eines anderen – mit übernehmen müsste. Was er ja schon, eigentlich, müsste. Jedenfalls: Kaum ist Münteferings Verzichtsankündigung draußen, da sagt Platzeck, nicht ganz korrekt, aber immerhin: „Ich habe mich vor Verantwortung noch nie gedrückt.“ Soll heißen: Fragt mich, dann sage ich womöglich: ja!

Wäre Platzeck der Richtige für die SPD? Eigentlich schon. Unter normalen Umständen. Aber was ist schon normal? Die SPD jedenfalls ist es gerade nicht. Sie reagiert ja fast menschlich zur Zeit, also: unberechenbar. War ja auch alles etwas viel. Agenda 2010, Neuwahlen, Grinsegrinse-Shakehands ihres Häuptlings mit der „Die niemals!“-Feindin, schwupps, und dann auch noch His Masters Voice als General? Zu alledem aber nie vorher, nur später gefragt worden. Diese Chance hier , Nahles gegen Wasserhövel, haben sie dann genutzt, mal echte Demokratie zu spielen, scheinbar verantwortungsfrei.

Vogel. Vogel müsste es machen. Einer wie Hans-Jochen Vogel wäre vielleicht in der Lage, dieser verunsicherten, grummelnden, in Teilen rebellierenden Partei wenn nicht eine Richtung, so doch vielleicht etwas Ehre zu geben. Wahrhaftigkeit statt Wankelmut. Stabilität. Verlässlichkeit. Autorität nicht durchs Amt, sondern durch die Person. So einer wie, sagen wir, Franz Müntefering anno 2003. So einer ist Platzeck nicht. Noch nicht jedenfalls. Platzeck wäre für die SPD ein Experiment, ausgerechnet, ausgerechnet jetzt. Er hat Koalitionserfahrung, mitden Schwarzen, aber nicht nur mit denen. Nach seiner letzten Landtagswahl hat er auch mit der PDS gesprochen. Er ist so ein bisschen offen, was ja grundsätzlich ganz gut ist, in manchen Phasen des politischen Lebens aber auch verunsichern kann. Möglicherweise die Falschen – die eigene Partei. Eine Hausmacht hat er nicht, auch deswegen nicht. Feinde hat er nicht, nichts Nennenswertes jedenfalls, ebenfalls deswegen nicht. Moderieren kann er, aber ob das reicht? Standhaft war er, als es um die Verteidigung der Schröder’schen Reformen ging. Mutig, mitten im Wahlkampf, auf den Plätzen. Das hat ihm viel Respekt eingebracht, besonders von jenen, die ihm das nicht zugetraut hatten. Davon kann er jetzt kaum wieder runter. Auch deshalb. Vielleicht wäre das doch was für ihn: der schönste Job gleich nach dem Papst.

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