Zeitung Heute : Fünf Dynastien, zehn Königreiche und ein Wrack

Rubine, Saphire, Silberbarren, Gold, Münzen und 200 000 Stück uralte Keramik – deutsche Schatzsucher machten vor Java einen tollen Fund. Und haben jetzt richtig Ärger

Moritz Kleine-Brockhoff[Jakarta]

Die Beamten kamen am Vormittag zum Reiterhof an der Pamulangstraße. Sie trugen Waffen. Und sie hatten gelbes Plastikband bei sich, solches, mit dem Tatorte abgesperrt werden. „Polizeilinie – nicht übertreten“, steht jetzt vor den Türen der Pferdeställe. „Raus!“, brüllt ein Polizist, „hier darf nur hin, wer eine Ausnahmegenehmigung hat!“

Auf dem Reiterhof im Süden Jakartas lagert ein Schatz, den Taucher jüngst vor der Insel Java aus einem Schiffswrack geholt haben. In 56 Meter Tiefe bargen sie 200 000 Stück uralte Keramik. Die meisten Stücke sollen aus China stammen, aus den Jahren 907 bis 960, der Epoche der „Fünf Dynastien und zehn Königreiche“. Dazu kommen Silberbarren, Rubine, Saphire, Gold und Münzen, die jetzt in Jakarta in einem Banksafe liegen. „Es ist wohl der weltweit größte archäologische Schiffsfund aus dem zehnten Jahrhundert”, sagt der Keramik-Experte Peter Schwarz. In leeren Pferdeställen hat der Deutsche zehntausende Reisschalen, Becher, Vasen und Krüge in kleinen Becken entsalzt und registriert. Indonesiens Maritim-Ministerium schätzt den Wert auf 24 Millionen US-Dollar, und eigentlich sollte alles beim Auktionshaus Christie’s versteigert werden. Aber nun hat die Polizei den Schatz beschlagnahmt. „Verdacht auf illegale Bergung“, sagt Polizeisprecher Anton Bachrul Alam knapp, „wir wollen nationale Schätze schützen.“

Auch das Bergungsschiff der Schatzsucher sitzt fest, die „Siren“ wurde in Jakartas Polizeihafen geholt. Besatzungsmitglied Alain Dumesnil steht auf der Brücke und trinkt eine Dose Bier. „Wir warten ab“, meint er genervt. Dumesnil gibt zu, dass die Polizei an Bord 27 Fundstücke aus dem Wrack entdeckt hat, die nirgends registriert waren. „Wertloses Zeug, das wir schlicht vergessen hatten“, meint der Franzose. Sein Kollege Fred Dobberphul hockt in sicherem Abstand vor dem Tor zum Polizeihafen. Der Hamburger, Mitte 40, Energiebündel, Kettenraucher und immer in Jeans und T-Shirt, hatte die Schatz-Bergung in der Java-See geleitet. „Ausgerechnet bei uns macht die Polizei Ärger. Dabei ist unser Projekt das erste in Indonesien, bei dem gewissenhaft versucht wird, von A bis Z legal zu arbeiten.“ Dobberphul versichert, alle Genehmigungen lägen vor. Doch Indonesiens Polizei führt den Deutschen wegen der angeblich illegalen Bergung als „Verdächtigen“. Dobberphul hat sich eine neue Unterkunft besorgt, ziemlich versteckt in Jakartas Straßen-Wirrwarr.

Immer wieder werden Schatzsucher in Indonesien fündig. Meist gibt es danach Ärger. Das Gesetz ist eigentlich simpel: Wer etwas entdeckt, kann auf eigene Kosten bergen, der Erlös muss mit dem Staat geteilt werden. Aber in der Praxis ist alles fürchterlich verworren, weil elf Behörden gemeinsam zuständig sind – was auch viel Schummelei ermöglicht. 1998 zum Beispiel hatten Fischer nahe der Insel Belitung Reisschalen in den Netzen, da schauten Taucher nach und fanden in 17 Meter Tiefe 60 000 Keramikteile aus China. Sie stammten aus der Tang-Dynastie, aus den Jahren 618 bis 907 – der älteste Fund in Asiens Meeren. Projektleiter war Tilman Walterfang, auch ein Hamburger. Er verkaufte den Tang-Schatz später für 32 Millionen Dollar an die Regierung Singapurs. Indonesien fühlt sich allerdings betrogen. Der Wert des Schatzes war fälschlich auf fünf Millionen Dollar geschätzt worden. Indonesien nahm also die Hälfte, den Staatsanteil, und genehmigte die Ausfuhr. Jetzt ist klar, dass der Tang-Schatz viel wertvoller ist, eigentlich hätten dem Staat 16 Millionen zugestanden.

Mit Tilman Walterfang hatten damals auch Peter Schwarz und Fred Dobberphul zusammengearbeitet, die jetzt mit dem nächsten Schatz beschäftigt sind. Zum damaligen Tang-Team gehörte außerdem der deutsche Marketing-Fachmann Nicolai von Uexküll. Schwarz, Dobberphul und Uexküll sind nicht gut auf ihren ehemaligen Chef Walterfang zu sprechen, angeblich schuldet er ihnen aus dem Tang-Erlös einen Millionenbetrag. „Wir haben ihm vertraut, mittlerweile sind wir eines Besseren belehrt“, sagt Dobberphul. Er habe das Tang-Wrack entdeckt und Walterfang davon erzählt, später sei er ausgebootet worden. „Alle Vorwürfe sind weit von der Wahrheit entfernt und Teil einer Rufmord-Kampagne“, entgegnet Walterfang telefonisch aus Neuseeland. „Es war umgekehrt: Uexküll hat mich betrogen, er entpuppte sich als inkompetenter Lügner. Und Schwarz sowie Dobberphul konnten nicht beteiligt werden, weil die Investoren nicht zustimmten.“ Die Schatzsuche ist ein Geschäft, das Menschen hart und egoistisch macht.

Experten finden, dass die indonesischen Beamten sich schlecht über Kunstschwund beschweren können. Schließlich seien Bergungslizenzen und Ausfuhrgenehmigungen bei Jakartas Beamten oft mit Schmiergeld käuflich. „Und schon während des Bergungslizenz-Verfahrens“, so erzählt ein Kenner der Szene, „holen Plünderer alles, was sie greifen können.“ Uralte Kunstschätze würden im Flugzeug-Handgepäck ins Ausland geschmuggelt. Manches findet sich später im Internet oder in Jakartas Antiquitätenläden wieder. „Tang-Schatz? Natürlich haben wir das“, meint ein Verkäufer in einem muffigen Laden an der Kebon-Sirih-Straße. Er zeigt einen Krug aus dem Tang-Schatz, den Walterfang eigentlich „komplett“ nach Singapur verkauft hatte. Krüge 500 Dollar, Schalen 50.

In Südjakarta, wo der Fünf-Dynastien-Schatz auf dem Reiterhof lagert, flattern weiter die gelben Polizeibänder, alles bleibt beschlagnahmt. „Jeder Tag kostet uns Geld“, schimpft Luc Heymans. Seine Firma Cosmix vertritt die Bergungsfinanziers, die anonym bleiben wollen. 4,5 Millionen Euro, sagt Heymans, hätten sie bislang für das Projekt ausgegeben. Zwar hat sich mittlerweile sogar Maritim-Minister Freddy Numberi – immerhin Vorsitzender der Bergungslizenzen-Kommission – auf die Seite der Schatzsucher geschlagen, die Polizei scheint das aber nicht zu interessieren. Gerade erst haben Beamte wieder ein Wohnhaus der Schatzsucher durchsucht. Diese haben den Verdacht, dass es Konkurrenten sind, die die Kampagne angezettelt haben. „Eigentlich haben wir drei neue Wracks, deren Ladung wir bergen wollen“, meint Luc Heymans.

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