Zeitung Heute : Fünf Jahre Haft für Demjanjuk – aber er ist frei

München - Im Prozess um den Massenmord an Juden im nationalsozialistischen Vernichtungslager Sobibor ist der frühere Wachmann John Demjanjuk am Donnerstag vom Landgericht München zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Er sei als Angehöriger der „fremdvölkischen Wachmannschaften“ an der Ermordung von mindestens 28 060 Menschen beteiligt gewesen, sagte der Vorsitzende Richter Ralph Alt. Die Schwurgerichtskammer hob den Haftbefehl gegen Demjanjuk allerdings auf, bis das Urteil rechtskräftig ist. Damit konnte der 91-Jährige den Gerichtssaal nach zwei Jahren Untersuchungshaft als freier Mann verlassen. Demjanjuks Verteidiger Ulrich Busch legte Revision ein.

Jeder Wachmann in Sobibor „war an der Ermordung der Juden beteiligt“, von der Ankunft der Züge bis zu den Gaskammern, heißt es in der Urteilsbegründung. Ohne die ausländischen Helfer der SS wäre die „Aktion Reinhardt“, der planmäßige Massenmord an den Juden im von Deutschland besetzten Polen, nicht möglich gewesen. „Der Angeklagte war Teil dieser Vernichtungsmaschinerie.“ Er habe schuldhaft gehandelt, nicht in einem Notstand, hieß es in der Begründung. „Es war dem Angeklagten zuzumuten, sich dem Mitwirken am Morden durch die mögliche Flucht zu entziehen.“

Der Vorsitzende Richter wies indirekt den von der Verteidigung erhobenen Vorwurf zurück, mit dem Prozess gegen einen ausländischen SS-Helfer wolle sich Deutschland „von der Alleinschuld am Holocaust reinwaschen“. Alt betonte, das Gericht habe keine moralischen oder politischen Erwägungen darüber anstellen dürfen, ob ein deutsches Gericht die Pflicht habe, diesen Prozess zu führen oder eben gerade nicht. „Es sitzt hier kein Volk auf der Anklagebank, sondern ein Mann.“ Es gehe nicht um Aufarbeitung der Geschichte, so das Gericht. cvs

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