Zeitung Heute : Fünf Minuten Stille

Ralph Schulze

Was wird diese Woche wichtig?

Viele Überlebende und Hinterbliebene des Terroranschlags vom 11. März 2004 in der spanischen Hauptstadt Madrid bitten für den kommenden Jahrestag des Horror-Ereignisses vor allem um eines: „Wir wollen einen Tag der Stille“, sagt ein Sprecher der Terroropfer-Vereinigung „Asociacion 11-M“. Des Gedenkens im Kreis der Familie an die 191 Menschen, die durch die Bombenserie islamistischer Terroristen in vier Madrider Vorortzügen starben. Ein Tag ohne Getöse, politischen Streit und staatstragende Erklärungen. Der hehre Wunsch für das stille Terrorgedenken in dieser Woche wird wohl nicht durchweg in Erfüllung gehen.

Die katholische Kirche will am Morgen des Terrorgedenktages um 7.37 Uhr sämtliche Glocken ihrer 650 Gotteshäuser in der Madrider Region lautstark bimmeln lassen. Fünf Minuten lang, genau bis 7.42 Uhr, die Minuten des Todes, in denen die islamistischen Fanatiker am 11. März 2004 nacheinander zehn Rucksackbomben hochgehen ließen. Geschmacklos sei das geplante Geläut, kommentiert die Opfervereinigung. Man wünsche nicht, per Glockengewitter an die schlimmste Terrortragödie der spanischen Geschichte erinnert zu werden. „Wir haben es ohnehin noch jeden Tag vor Augen.“ Viele der 1600 Verletzten und auch Angehörige seien noch in psychologischer Behandlung. Der sozialdemokratische Regierungschef Jose Luis Zapatero rief den kommenden Gedenk-Freitag zum nationalen Volkstrauertag aus. Das Land solle um 12 Uhr mittags fünf Minuten still stehen – und schweigen. Zeitgleich werden König Juan Carlos und Zapatero im Rahmen eines staatlichen Schweigeaktes Kränze niederlegen. Und zwar „Im Wald der Abwesenden“ – eine Art Naturtrauermonument im zentralen Retiro-Stadtpark in der Hauptstadt. Für jeden Toten wurde dort auf einem Hügel ein Baum gepflanzt.

Am heutigen Montag läuft in der spanischen Hauptstadt eine internationale und mehrtägige Konferenz über „Demokratie, Terrorismus und Sicherheit“ an. Derweil versucht der zerstrittene Terror-Untersuchungsausschuss des spanischen Parlamentes, der polizeiliche und politische Pannen der Terror-Vergangenheit aufarbeiten soll, sich zu einer gemeinsamen Erklärung zusammenzuraufen. Und am Freitag wird Zapatero voraussichtlich verkünden, mit welchen neuen Schritten Spanien den internationalen Terrorismus künftig bekämpfen wird.

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