Zeitung Heute : Fünf Schritte zum Frieden

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Die Versöhnung läuft in unserer Kultur nach einem Ritual ab, das schon Thomas von Aquin vor tausend Jahren auf den Punkt gebracht hat. Der von ihm beschriebene Ablauf von Beichte, Reue und Wiedergutmachung passt auch in unsere heutige Welt. Daraus ergibt sich das Modell eines Versöhnungsprozesses, nach dem Eheberater und Mediatoren in der Familien und Paarberatung vorgehen.

1. Anerkennung der Verletzung

Wenn zwei Menschen zerstritten sind, liegt dem eine Verletzung zu Grunde. Der erste Schritt auf dem Weg zur Versöhnung ist die Anerkennung der Tatsache, den anderen verletzt zu haben. Für viele keine leichte Sache. „Ich habe es doch gar nicht so gemeint, Du hast mich falsch verstanden“, ist ein Satz, den man in dieser Phase oft hört. Doch nicht die Absicht ist entscheidend, sondern der Schmerz, den ich dem anderen zugefügt habe. Erst, wer wirklich verstanden hat, warum der andere verletzt ist, ist bereit zur Versöhnung. Dafür braucht es etwas Demut. Übrigens gibt es in Beziehungen so gut wie nie einen allein Schuldigen und ein reines Opfer. Die Verletzungen sind meist gegenseitig. Beide müssen das anerkennen.

2. Bitte um Verzeihung

Dieser Satz geht vielen Menschen schwer über die Lippen: „Es tut mir Leid, verzeih mir.“ Manch einer will nicht eingestehen, einen Fehler begangen zu haben. Andere fürchten sich vor der drohenden Bestrafung: „Wenn ich gestehe, werde ich gehängt“, ist eine tief verwurzelte Angst. Dabei ist der Partner nach der Anerkennung der Verletzung und einer ehrlich gemeinten Bitte um Verzeihung oft schon fast versöhnt. Manchmal bedarf es aber noch einer aktiveren Buße.

3. Wiedergutmachung

Nach der Bitte um Verzeihung kann das Bemühen um Wiedergutmachung zeigen, dass man es mit der Versöhnung ernst meint: „Womit kann ich Dich versöhnen?“ Das kann dann eine ganz praktische Aktion sein. Zum Beispiel: „Nächstes Wochenende kümmerst Du Dich um die Kinder, und ich mache mit meiner Freundin den lange geplanten Ausflug in die Berge.“

4. Ausgleich

Ziel der Wiedergutmachung ist es, Ebenbürtigkeit zwischen den Partnern zu erreichen. Denn durch die Bitte um Vergebung entsteht meist eine Art Gefälle zwischen „schuldig“ und „unschuldig“. Für den „Täter“ ist es wichtig, für seine Tat bezahlt zu haben. Durch eine einmalige Tat lässt sich nicht alles ausgleichen, doch sie hat symbolischen Charakter, und wenn der Verletzte bereit ist, zu verzeihen, kann sie die Grundlage für einen Neuanfang sein.

5. Prävention

Die Versöhnung bringt nicht viel, wenn Paare nach kurzer Zeit in alte Verhaltensmuster zurückfallen. Deswegen raten Mediatoren dazu, ein Jourfixe zu vereinbaren, einen festen Zeitpunkt in der Woche, zu dem man sich 90 Minuten ungestört unterhält. Dabei sollen beide Partner sagen, was sie in dieser Woche bewegt, gefreut und geärgert hat. So verhindern sie, dass sich Ärger und insgeheime Vorwürfe anstauen. Ideal ist es natürlich, mit dem Reden zu beginnen, bevor eine Versöhnung notwendig geworden ist.

Hinweise von Achim Haid-Loh, Diplompsychologe, Kinder-, Paar- und Familientherapeut und Koordinator der Mediatoren-Ausbildung am Evangelischen Zentralinstitut für Familienberatung (EZI) in Berlin. avi

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