Zeitung Heute : Fünf Tage Deutschland

Schröder im Porsche, Merz auf dem Tandem, und Eichel sucht U-Boote – die Woche vor der Wahl

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Montag, 12. September. Noch sechs Tage

Seltenes Bild: Alle sind sie da. Deutschlands politische SKlasse. Nur Stoiber fehlt noch. Angela Merkel neigt ein wenig den Kopf zum Kanzler. „Es gibt da einen Fotografen, der hat 12000 Bilder von mir.“ Gerhard Schröder nickt. Stoiber fehlt noch immer. Gregor Gysi sagt: „Er ist in der Maske.“ Dann sagt Gysi noch: „Wie wir alle ohne Maske aussehen.“ Merkel sagt: „Tja.“

Es ist Montagmittag, kurz vor halb eins. Im TV-Studio von Sabine Christiansen, Berlin, Budapester Straße, sind die Rollläden unten. Stoiber ist nun auch da. Gleich beginnt der opening act für die Woche der Entscheidung. Er wird aufgezeichnet. Achteinhalb Stunden später werden sich fast sechs Millionen Zuschauer die Sache ansehen. „Ich hoffe, dass es in Hamburg und Kiel nicht regnet“, sagt Angela Merkel, „da muss ich nachher noch hin.“ Der Kanzler nickt. Regen wäre nicht gut. Dafür hat er Verständnis. Er muss nachher noch nach Münster.

So, wie die Runde zusammensitzt, Schröder, Fischer, Merkel, Stoiber, Westerwelle, Gysi, wird sie nicht mehr zusammenkommen – nicht vor dem 18. September, nicht, bis der Wähler über das Schicksal jedes Einzelnen entschieden hat. Das Kameralicht geht an.

Gerhard Schröder ist gut drauf. Die SPD liegt bei 35 Prozent, Forsa. Lesart: „schon“ 35 Prozent. Es reicht nicht zum Regieren mit den Grünen. Aber es verhindert Schwarz-Gelb, möglicherweise. Und es macht den Schulterschluss mit Joschka Fischer nicht vollends absurd. Fischer sitzt neben Schröder. Es ist ihr einziger gemeinsamer Wahlkampfauftritt.

Angela Merkel sagt, sie leide nicht wie der Bundeskanzler an „Verfolgungswahn vor Meinungsforschern“. Sie sagt: „Eine große Koalition wird es nicht geben.“ Merkel hat Probleme mit Paul Kirchhof und dessen Steuermodell. In der Union sind Rufe nach Friedrich Merz laut geworden. Christian Wulff preist Merz’ „ökonomische Kompetenz“. Auch Roland Koch und Günther Oettinger loben Merz. Am Abend auch Stoiber. Sechs Tage vor der Wahl rufen vier Unionsministerpräsidenten nach Merz.

Schröder ruft nicht. Er brüllt, fast. Last man standing! Münster, Domplatz. Der Rückenwind der Demoskopie trägt ihn durch seine Standardrede. Im Café Floyd bestellt er danach Pizza Salami und eine Karaffe Weißwein. In einer Stunde beginnt die Ausstrahlung der Sendung. Schröder hat das Gefühl, sie sei für ihn gut gelaufen. Er sagt, er habe mit Fischer „gut harmoniert“.

Dienstag, 13.September. Noch fünf Tage

Die Union hat zugelegt, Emnid. Die Lager liegen Kopf an Kopf, 48,5:48,5. Volker Kauder, der CDU-Generalsekretär, verspürt Rückenwind. Da hat Paul Kirchhof noch nicht gesagt, dass ein „Tandem“ mit Merz die beste Lösung wäre. Auch die Ampel beginnt zu blinken, zaghaft. Matthias Berninger will sie „nicht ausschließen“. Berninger ist 34, bei den Grünen und Staatssekretär im Verbraucherministerium. Er gilt als Hoffnungsträger.

Der Allensbach-Newsletter kommt. Er beschäftigt sich mit der Image-Veränderung von Oskar Lafontaine. Sie ist enorm. 48 Prozent der Befragten halten ihn für „berechnend“. 1998 waren es 28 Prozent. Das Institut für Demoskopie Allensbach stützt sich auf 716 Leute, die Mitte August befragt wurden.

Die Linkspartei ist in der Bredouille. Sie muss ihren Wahlkampfchef interpretieren, ausgerechnet. Bodo Ramelow hatte mit „Spiegel Online“ ein Interview abgestimmt, Satz für Satz. Die Sätze: „Wenn wir die Möglichkeit haben, die Massenarbeitslosigkeit drastisch zu reduzieren, müssen wir diese Herausforderung annehmen.“ Und: In Skandinavien sei das Modell einer Tolerierung „längst selbstverständlich“, daher auch in Deutschland „nicht ausgeschlossen“. Aus den Zitaten wird eine geplante Tolerierung von Rot-Grün, womöglich schon 2005. Das Berliner Karl-Liebknecht-Haus stellt klar: „Die Linkspartei/PDS hat kein Tolerierungsangebot an Rot-Grün gemacht und wird dies auch nicht tun.“

Gerhard Schröder ist immer noch gut drauf. In Frankfurt auf der Internationalen Automobilausstellung trifft er einen Kumpel nach dem anderen. Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp, der Ende des Jahres geht, lässt sich noch mal in der Öffentlichkeit blicken, um gemeinsam mit seinem Nachfolger Dieter Zetsche den Duzfreund Gerd am Mercedes- Stand zu grüßen. Und die Kameras der Fotografen klicken wie irre, als Porsche-Chef Wendelin Wiedeking seinem Kanzler zwei Plüschkrokodile überreicht, nachdem dieser das Probesitzen im neuen Cayman hinter sich gebracht hat.

München, Marienplatz, am Abend, 8000 Zuhörer. Joschka Fischer kämpft noch immer für „die eigene Mehrheit“, mit letzter Kraft. „Keine große Koalition!“, röhrt Fischer, „jede Zweitstimme für Bündnis 90/Die Grünen!“ Unten rufen sie „Joschka, Joschka!“ Oben auf der Bühne steht Claudia Roth, die seelenpolitische Sprecherin, und klatscht mit aller Begeisterung, zu der sie fähig ist. Der Platz leert sich. Zurück bleiben die Truppen von der Jungen Union. Und die Schlachtgesänge: „Auf Wiedersehen!“

19 Uhr 50. Im Landgasthof Schulte- Fecks in Bremke, Hochsauerland, wird der Wirt nervös. Er ist Schatzmeister im CDU-Ortsverband. Um die Ecke in der Schützenhalle wird gleich Friedrich Merz antreten. „Ich hab noch keinen Binder um“, sagt der Wirt. Merz hat ein Heimspiel. Großer Medienauflauf, Kirchhofs Wunsch, mit Merz Tandem zu fahren, soll kommentiert werden. Um 20 Uhr kommt Merz, hält seine Rede. Im letzten Satz bekundet er seine Bereitschaft, wieder mitzumischen. Mit Kirchhof? „Wo wollen Sie auf dem Tandem sitzen, vorne oder hinten?“, fragt nach der Rede der Tagesspiegel, fragt ARD, fragt ZDF, fragt n-tv, fragt der „Spiegel“. „Guten Abend“, sagt Merz. Und verschwindet in der schwarzen Nacht. Strahlend.

Mittwoch, 14. September. Noch vier Tage

Die Titelgeschichte der „Bild“-Zeitung ist in tiefes Rot getaucht. Der Kanzler hat die türkische Zeitung „Hürriyet“ besucht. „Bild“ fragt: Entscheiden Türken die Wahl? 86 Prozent der 600000 stimmberechtigten Deutsch-Türken sympathisieren mit Rot-Grün.

11 Uhr 40, Berlin, Adenauer- Haus. Die leidige Tandem-Lösung, schon wieder. Angela Merkel muss sich mit den Radsport-Ideen von Kirchhof auseinandersetzen, unfreiwillig. Merkel hatte davon am Vorabend aus den Nachrichten erfahren. „Angesichts der Lage unseres Landes brauchen wir jeden, der mithilft“, sagt sie.

20 Uhr, Hallenberg, kurz vor der sauerländischen Grenze zu Hessen. Merz sagt: „Eine große Koalition wird es nicht geben. Mit denen niemals.“ Abgang. „Herr Merz, was ist mit dem Tandem?“ – „Guten Abend“, sagt Merz.

Fischer hat sich entschieden. Auf den letzten Metern wird der SPD kein Pardon mehr gegeben. Peer Steinbrück, der ehemalige SPD-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und bekannte Grünen-Fresser, muss als Feindbild herhalten für eine Zweitstimmenkampagne um rot-grüne Wechselwähler. In NRW kleben die Grünen ihre Kampfansage an die Plakatwände. Zu sehen: Steinbrück, der als kleiner Partner Angela Merkel anhimmelt – in Anlehnung an den schmachtenden Gysi, der auf der Wahlwerbung der Linkspartei zu Lafontaine aufschaut.

Donnerstag, 15. September. Noch drei Tage

Die Lager liegen weiter Kopf an Kopf. Die Umfrageinstitute verweisen darauf, dass wegen der statistischen Schwankungsbreiten der Sieg nicht mehr vorhergesagt werden kann.

In der CDU-Zentrale herrscht dennoch Euphorie. Man hat den Buhmann in der SPD gefunden: „Hans Eichel lügt“, zitieren die Zeitungen Merkel und Stoiber. Der SPD-Finanzminister verstecke eine geheime Liste mit schrecklichen Kürzungen bei Arbeitslosen und Rentnern. Und der „Lügner“ behaupte, es gebe eine solche Liste überhaupt nicht. Augenhöhe ist erreicht: Nicht nur Kirchhof ist ein Radikaler, auch Eichel. Der Sozialdemokrat plant den sozialen Kahlschlag. Ein Kampf beginnt: Sparlisten, bis zu 30Milliarden Euro schwer, werden von der Union in die Zeitungsredaktionen gefaxt. Das Finanzministerium dementiert: „Alles Quatsch“, eine Verleumdungsaktion von CDU-Beamten im Ministerium. Interne Ermittlungen setzen ein. Man will sie finden, die U-Boote der Union. In der CDU erzählen sie, Eichel lasse sogar Telefone anzapfen.

Fischer gibt der „Westdeutschen Allgemeinen“ ein Interview. Frontalangriff auf Steinbrück: „Ich habe keinerlei Verständnis für großkoalitionäre Überlegungen, wie Herr Steinbrück und andere Spitzengenossen aus Nordrhein-Westfalen sie gerade anstellen. Für die SPD bedeutet eine große Koalition nichts anderes als den Kniefall vor den unsozialen Neokonservativen Marke Kirchhof.“ Danach fliegt er zur Uno nach New York. Womöglich sein letzter Auftritt dort.

13 Uhr, Dresden, Stadtteil Gruna. „Kraft gibt Sicherheit“, steht auf einem Plakat in der Zwinglistraße, aber das ist von einem Spezialisten für Rückentraining geklebt. Gegenüber wirken die Mitarbeiter des Wahlkampfteams der SPD kraftlos. Die Direktkandidatin für den Wahlkreis 160, Marlies Volkmer, sieht müde aus: „Klar ist die Situation nicht gerade motivierend.“ In Dresden I – die Altstadt und das Südufer der Elbe – wird nicht am Sonntag, sondern erst am 2.Oktober gewählt, weil die NPD-Kandidatin starb. Die 219400 Wahlberechtigten könnten am Ende die Wahl entscheiden, aber wahrscheinlich ist das nicht. Marlies Volkmer will lieber nicht über den 18. hinaus denken. Wenn es am Sonntag eng wird und Dresden alles entscheidet, dann wird der Wahlkreis überflutet von Wahlkämpfern und Medien. Vielleicht aus aller Welt!

15 Uhr, Wohngebiet Dresden-Großzschachwitz. Das CDU-Team stellt sich vor einem Supermarkt auf, Kandidat Andreas Lämmel fehlt, steht vor dem falschen „Netto“. Er ruft an: „Wo seid ihr!“ Seine Mitarbeiter sagen, seit die Wahl verschoben worden ist, passiere es häufiger, dass der Parteistand verschwindet.

Freitag, 16. September. Noch zwei Tage

Eichels Pressesprecher verliert die Nerven. Schon wieder tauchen Listen auf, von denen die Union behauptet, der Minister habe sie in Auftrag gegeben. Nun soll Eichel sogar Rentenkürzungen planen. Mittags wird Eichels Sprecher gefragt, warum der Minister die Kampagne nicht damit stoppt, dass er sagt, wo gespart werden muss. Zehn Tage zuvor hatte er dem Tagesspiegel vorgerechnet, 2006 würde er bei einem rot-grünen Wahlsieg sechs Milliarden Euro kürzen. Nun lässt Eichel die Journalisten wissen, dass er 2006 nicht einen einzigen Cent sparen wolle, werde die SPD an die Macht gewählt.

Fischer verpasst in New York sein Flugzeug, muss eine spätere Maschine nach Frankfurt nehmen. Dort wartet ein Auto auf ihn. Es geht nach Düsseldorf, wo er einen Extra-Auftritt zugesagt hat, von dort nach Berlin-Tempelhof zur Abschlusskundgebung der Grünen im Hangar 2.

Ein paar Kilometer nördlich, auf dem Schloßplatz, vor der Ruine des Palastes der Republik, steht am frühen Abend Oskar Lafontaine. Er hat Geburtstag, einige Leute singen „Happy Birthday“. Lafontaine redet, der Strom fällt aus. „Die Linke hat keinen Saft mehr“, murmelt er. Nach zehn Minuten ist der Strom wieder da. Lafontaine sagt ins Mikrofon: „Wir lassen uns so schnell nicht unterkriegen.“

Kurz vor halb acht, Gendarmenmarkt, ein schwarzer Himmel, der Regen peitscht, ein großer Tross. Schröder, seine Frau, Franz Müntefering, Günter Grass, Wolfgang Thierse kommen auf die Bühne. Plötzlich nieselt es nur noch. Die Menge ruft: „Schröder, Schröder.“

Merkel, Tempodrom, gegen acht. Sie kommt allein, sie trägt: Rot-Schwarz.

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