Zeitung Heute : Für alle Besserwisser

Anja Kühne

In der Debatte um Spitzenuniversitäten in Deutschland geht es ständig um die Forschung, nicht um die Lehre. Beides gehört aber zusammen. Gewinnen deutsche Wissenschaftler einen Nobelpreis, forschen sie an außeruniversitären Einrichtungen oder arbeiten schon lange im Ausland. Denn besonders starke Forscher folgen nicht nur dem Geld, sondern auch den besten Arbeitsbedingungen. Zwar gewinnen viele Professoren aus dem Kontakt zu den Studentinnen und Studenten wichtige Anregungen. Doch wer jedes Semester an der Massen- uni drei bis vier Seminare vorbereiten und hunderte von Hausarbeiten, Abschlussarbeiten und Dissertationen betreuen muss, hat keine Kraft mehr, Nobelpreise zu gewinnen.

An amerikanischen Universitäten sind Spitzenprofessoren längst nicht so belastet. Sie kümmern sich nur um wenige Studierende – um die dann aber richtig. Deutschlands Unis werden es schon aus diesem Grunde schwer haben, solche Forscher zu gewinnen. Hier müsste der Gesetzgeber mehr Flexibilität zulassen. Professoren, die sehr viel forschen, müssten von der Lehre entlastet werden. Professoren, die weniger forschen, könnten sich stärker in der Lehre engagieren.

Denn an guter Lehre gebricht es der Universität am meisten. Ein Drittel aller Studenten sind Langzeitstudenten. Gut ein Drittel der Studierenden verlässt die Uni ohne Abschluss. Bei den Ausländern, um die Deutschland doch wirbt, sind es nach Angaben des Hochschulinformationssystems (HIS) sogar zwei Drittel. Ungezählt sind die vielen Doktoranden, die jahrelang in ihren Büchern verschwinden, ohne die Wissenschaft am Ende je mit einer Dissertation zu befruchten. Viele Lebensläufe werden an der Uni zur Tragödie. Oft sind nicht Finanzprobleme oder geistige Überforderung schuld: Es fehlen nur die Charaktereigenschaften, die jemand braucht, der sich ohne Hilfe durchkämpfen muss. Es ist deshalb gut, wenn das Studium und die Promotion stärker strukturiert, also „verschult“ werden. Akademische Freiheit ist zu lange mit Unverbindlichkeit verwechselt worden.

Unverbindlichkeit ist eins der größten Probleme der Massenuniversität. Schon heute ist es den Universitäten erlaubt, einen Teil ihrer Studierenden im Gespräch auszuwählen, um zu sehen, ob der Kandidat zu ihnen passt. Doch nur wenig Hochschulen machen davon Gebrauch, ihnen fehlen die Ressourcen. In den USA helfen sich sogar Spitzenuniversitäten wie Harvard, indem sie ihre Ehemaligen bitten, die Neuen auszuwählen.

Ineffizient ist auch die Nachwuchsrekrutierung der deutschen Unis. Noch immer muss sich der wissenschaftliche Nachwuchs mit aufwendigen Habilitationsschriften für eine Professur qualifizieren, was jahrelang die Arbeitskraft der Forscher auf eine einzige große Studie konzentriert – und häufig keine bahnbrechenden Ergebnisse zutage fördert. Ob jemand das Zeug zum Professor oder zur Professorin hat, lässt sich auch anders erkennen. Vielleicht kann sich die neue Juniorprofessur durchsetzen, die die Habilitation überflüssig machen soll.

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