Zeitung Heute : „Für Berater ist der Job eine Droge“

Verbandschef Redley über Leistung und Anreiz

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Herr Redley, vor ein paar Jahren luden Beratungsfirmen Bewerber zum Kennenlernen ins Ferienparadies Mallorca. Dann kam bei vielen der Einstellungsstop. Wie sieht es heute aus?

Dieses Jahr werden etwa 5000 neue Mitarbeiter eingestellt. Das sind zwar deutlich weniger als die 15000 der Boomjahre, aber auch mehr als in den vergangenen beiden Jahren. Aber der Luxus ist raus. Bewerbungsveranstaltungen in Urlaubsatmospähre sind heute die Ausnahme. Bei RecruitingVeranstaltungen geht es heute eher darum, den Hochschulabsolventen zu zeigen, wie die Arbeit der Unternehmensberater aussieht.

Wen suchen die Beraterfirmen?

Von den Hochschulabsolventen haben nur die Besten eine Chance. Sie brauchen gute Noten, Auslandserfahrung, Fremdsprachenkenntnisse. In den Boomzeiten hat man vielleicht mal ein Auge zugedrückt und auch durchschnittliche Absolventen eingestellt, das ist vorbei. Daneben brauchen Beraterfirmen sehr viel mehr erfahrene Leute. Mitarbeiter, die in ihrer Branche schon ein paar Jahre Berufspraxis gesammelt haben, haben jetzt besonders gute Karten.

Wo haben Berufseinsteiger die besten Chancen?

IT-Berater setzen sehr stark auf die jungen Hochschulabsolventen, weil die die neuesten Systeme kennen. Allerdings werden gerade im Bereich der Informationstechnologie zurzeit noch relativ wenig neue Leute eingestellt.

Ihrem Ruf nach sind Berater rund um die Uhr im Einsatz. Ist der Beruf mit einer Familie vereinbar?

Für viele Berater wird der Job zur Droge, da muss man aufpassen, dass man einen Ausgleich findet. Ich halte nicht viel davon, wenn unsere Mitarbeiter dauerhauft mehr als 50 Stunden die Woche arbeiten, sie sollen ja auch kreativ sein. Aber wer sich bewirbt muss natürlich wissen, dass es solche Wochen gibt. Jeder sollte sich selbst prüfen, ob er das mit seinen Familienplänen vereinbaren kann.

Wird der hohe Leistungsanspruch auch überdurchschnittlich bezahlt ?

Einsteiger verdienen in der Beraterbranche 35 bis 40000 Euro im Jahr. Wer sich bewährt, kommt kann es schnell auf 45 bis 48000 Euro bringen. Hinzu kommt das Anreizsystem: Ein Dienstwagen ist nach wie vor drin, allerdings bescheidender als zu Boomzeiten. Auf den Dienstburschen, den manche Arbeitgeber früher finanzierten, müssen sie heute aber verzichten. Zum Glück ist die Branche in dieser Hinsicht normaler geworden.

Das Gespräch führte Alexander Visser.

Rémi Redley (53)

leitet die Berliner

Beratungsfirma

Goosens-Redley

und ist seit 2001

Präsident des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater (BDU).

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