Zeitung Heute : Für Berlin fällt der Vorhang

Der Tagesspiegel

Von Robert Hartmann

Nairobi. „Helsinki!“, las Lamine Diack, der Präsident des Leichtathletik-Weltverbands IAAF, gestern Nachmittag von einem weißen Blatt ab, das er gerade aus einem Briefumschlag entnommen hatte. und damit war klar, dass Berlin als Bewerber um die Austragung der Weltmeisterschaft 2005 gescheitert ist. Und bei den Mitgliedern der deutsche Delegation herrschte im Saal eines Nobelhotels in Nairobi ungläubiges Staunen. Es war eine spannende Wahl. Berlin war erst im vierten Wahlgang geschlagen worden, zuvor waren schon Moskau, Budapest, Rom und Brüssel ausgeschieden. Im direkten Duell mit Berlin setzte sich dann Helsinki durch. Die genauen Stimmenanteile dieses Wahlganges wurden nicht bekannt.

Die erste Frage lautete zwangsläufig: Hat das Theater um die insolvente Istaf GmbH wirklich keine Rolle gespielt? Achselzucken. Klar ist allerdings, dass hinter den Kulissen mit allen Mitteln gekämpft wurde, und die ungewisse Zukunft des Istaf wurde dabei als Waffe gegen Berlin eingesetzt. Denn irgend jemand hatte Zeitungsartikel, in denen die Istaf-Problematik dargestellt wurden, aus dem Internet ausgedruckt und in der Nacht zum Sonntag den stimmberechtigten IAAF-Funktionären unter deren Hotelzimmertüren durchgeschoben. „Das übersteigt jegliche Fantasie,“ sagte Frank Hensel, der Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. „Berlin war in allen Parametern vorn.“

IAAF-Vizepräsident Helmut Digel, der frühere Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands, sagte: „Wir haben in Berlin die Garantie dafür, dass das Olympiastadion als Leichtathletik-Arena erhalten wird. Das war nicht leicht. Jetzt werden einige wieder sagen, ihr kriegt noch nicht einmal die Weltmeisterschaften.“ DLV-Präsident Clemens Prokop sagte: „Für künftige Bewerbungen müssen wir unsere Lehren daraus ziehen.“ Und die zweimalige Weitsprung-Olympiasigerin Heike Drechsler erklärte: „Wir waren gut vorbereitet.“

Zuerst war bei den Wahlgängen Moskau ausgeschieden, dann überraschend Brüssel und schließlich Rom, das mit großzügigen finanziellen Gesten geworben hatte. Und plötzlich ging es um Entwicklungshilfen für Städte für die Dritte Welt. Jeder Bewerber versprach diesen Städten Gelder. „Aber nur bei Berlin fragte der kenianische Kollege nach, ob diese Gaben denn auch noch nach der Weltmeisterschaft 2005 fließen würden“, sagte Digel ziemlich empört. Während der drei Tage in Nairobi legte sich Budapest in einer großen Medienkampagne mächtig ins Zeug. Im „East African Standard“, einer kenianischen Zeitung, platzierten die Ungarn eine ganzseitige Anzeige. Fünf kenianische Journalisten waren zudem nach Ungarn eingeladen worden, damit sie zu Hause über die Situation in der ungarischen Hauptstadt berichten konnten – natürlich möglichst positiv, so lautete das Kalkül der Ungarn. IAAF-Generalsekretär Istvan Gyulai, ein Ungar, wurde von diversen Beobachtern verdächtigt, er mache hinter den Kulissen massiv Wahlkampf für Budapest. Offiziell beweisen lässt sich das nicht. Auch wer für die nächtliche Kampagne veranwortlich ist, lässt sich nicht genau ausmachen.

Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister von Berlin, erklärte, die Hauptstadt sei weiter bereit, sich um Großereignisse zu bewerben. Hans-Joachim Fenske, der Präsident des Istaf-GmbH-Gesellschaftervereins BSC, sagte: „Gut möglich, dass die Istaf-Problematik eine Rolle gespielt hat. Andererseits ist es schon ein starkes Ergebnis, bis in den vierten Wahlgang zu kommen.“ Und wie geht es jetzt mit der versuchten Rettung des Istaf weiter? Zum Problempunkt könnte Klaus Henk als potenzieller Investor werden. Henk ist nicht bloß Chef des Istaf-GmbH-Gesellschaftervereins SCC, sondern auch Aufsichtsratschef der Istaf GmbH. „Wenn Henk als Investor einsteigen möchte, überlegt sich der BSC, ob er einer Abtretung der Gesellschafteranteile zustimmt“, sagt Fenske. „Es ist schwer vorstellbar, dass ein Mann, der die Misere mit zu verantworten hat, sich als Retter des Istaf präsentiert.“

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