Zeitung Heute : Für Bienen die Pest

Das Pestizid Clothianidin ist nach Einschätzung von Behörden und Umweltschützern Auslöser eines massenhaften Bienensterbens. Wie gefährdet sind die Bienen in Deutschland?

Mirja Brücker

Bienen werden oft unterschätzt. Die fleißigen Insekten produzieren nicht nur Honig, sie bestäuben auch etwa 80 Prozent aller Blüten von Nutzpflanzen. Ohne sie würde es weder Obst noch Gemüse geben. Nach Rindern, Schweinen und Hühnern gelten sie deshalb als das viertwichtigste Nutztier des Menschen. Doch die Zahl der Bienen sinkt seit Jahren.

Im April und Mai 2008 starben zum Beispiel in der Oberrheinregion zehntausende Bienenvölker. Hauptverantwortlich für dieses Bienensterben waren nach Erkenntnissen der zuständigen Überwachungsbehörden des Bundes die in der Landwirtschaft eingesetzten Nervengifte Clothianidin und Imidacloprid. Die von der Firma Bayer-CropScience hergestellten und 2004 in Deutschland zugelassenen Insektengifte werden als Beizmittel für Saatgut eingesetzt. Es soll Raps, Mais, Karotten, Rüben und Kartoffeln nach der Aussaat vor Schädlingen schützen. Nachdem der Zusammenhang erkannt war, verbot das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) im Mai den Wirkstoff für Maissaatgut. Doch obwohl in diesem Jahr in Deutschland mindestens 20 000 Zuchtbienenvölker durch die Insektizide getötet oder schwer geschädigt wurden, hat das Agrarminister Horst Seehofer (CSU) unterstellte BVL das Pestizid ab August wieder für die Rapsaussaat zugelassen.

Aus Angst vor einem erneuten Massensterben bei Bienen forderten der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der Deutsche Berufs- und Erwerbs-Imkerbund (DBIB) und das Pestizid-Aktions-Netzwerk am Donnerstag in Berlin ein generelles Verbot von bienengefährdenden Pestiziden in Deutschland. Sollte Ende August mit diesen Pestiziden gebeizter Raps ausgesät werden, „drohe ein ähnliches Bienensterben wie im Frühling“, heißt es beim BUND. „Horst Seehofer müsste umgehend für ein Verbot sorgen und sich für einen Entzug der Zulassung für diese Mittel auch in der EU einsetzen“, forderte Manfred Hederer vom Deutschen Imkerbund.

Das BVL hält Clothianidin zwar ebenfalls für den Auslöser des Bienensterbens, argumentiert jedoch, das Pestizid könne auch sicher angewendet werden. Das Maissaatgut habe Mängel hinsichtlich des Staubgehalts und der Abriebfestigkeit aufgewiesen. „Es ist nun klar, dass es sich um ein spezifisches Problem bei Maissaatgut und der hierbei verwendeten Geräte handelt, das sich nicht auf andere Saaten übertragen lässt“, heißt es in einer Presseerklärung des Amtes. Auch Bayer sieht die Sämaschinen für Mais als „Schuldigen“. Der Mais wird mit Druckluft in den Boden geschossen, dabei wird Staub aufgewirbelt, der in den Boden zurückgeleitet werden solle. Stattdessen wurde er aber in die Umgebung gepustet. Bayer hatte einer Ausgleichszahlung von zwei Millionen Euro für die betroffenen Imker zugestimmt

Der Industrieverband Agrar bezeichnete das Bienensterben im Frühjahr als „unfallähnlichen Einzelfall“. Hauptgeschäftsführer Volker Koch-Achelpöhler sagte am Donnerstag, in Deutschland zugelassene Pestizide seien sicher. Ursache für das Bienensterben sei „die fehlerhafte Beizung mit Clothianidin-haltigen Produkten und die Nutzung einer bestimmten Sätechnik“. Bei sachgerechter Anwendung gingen von zugelassenen Pflanzenschutzmitteln keine Gefährdungen für die Honigbiene aus.

Der volkswirtschaftliche Wert durch die Bestäubung der Bienen liegt Schätzungen zufolge allein in Deutschland bei über vier Milliarden Euro. Nach Angaben der Weltagrarorganisation FAO sind 35 Prozent der Nahrungsmittelproduktion von Bestäubern wie Bienen abhängig. Der generelle Rückgang von Bienenvölkern gefährde deshalb nicht nur die Lebensmittelsicherheit, sondern habe auch Auswirkungen auf die Artenvielfalt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar