Zeitung Heute : Für ein paar Bytes mehr

Schnelles Internet ist gut, so die Werbung. Wenn bloß die Tarife unkomplizierter wären

Kai Kolwitz

Schneller ist besser. Nach diesem Motto wird der Markt für breitbandige Internetzugänge weiter angeheizt: Immer wieder finden die Anbieter von DSL-Internetverbindungen neue Möglichkeiten, Kapazitäten zu vergrößern oder durch technische Optimierungen aus der vorhandenen Technologie noch ein paar Bytes mehr zu quetschen. Die Marketingabteilungen nehmen die im Monatsrhythmus gelieferten Impulse dankbar auf – bieten sie doch immer neue Argumente, um das Produkt interessant zu halten und um auch alten Kunden ein paar zusätzliche Leistungen verkaufen zu können.

So präsentiert die Telekom seit neuestem die Möglichkeit, bei „großen“ DSL-Zugängen mit 1500 Kilobit Downloadrate den Upstream noch einmal doppelt so schnell zu machen. Interessant ist dies vor allem für Nutzer, die öfters große E-Mail-Anhänge zu verschicken haben – Musikstücke oder Videofilme etwa. Berechnet wird der neue Service mit 1,99 Euro zusätzlich pro Monat plus 24,99 Euro Bereitstellungsgebühr. Vor allem an Spieler richtet sich dagegen die „Fastpath“-Technologie, die die Antwortzeiten verkürzt und damit schnelle Reaktionen auch schneller umsetzen kann. Macht 99 Cent im Monat und einmalig 25 Euro. Nicht ganz so offensiv kommunizierte das Unternehmen dagegen, dass der bisher kostenlose Wechsel vom „normalen“ DSL-Zugang auf den „großen“ ab ersten April mit 49,99 Euro Wechselentgelt verbunden ist.

Bei all der Innovation hat sich ein verwirrendes Tarifdickicht entwickelt: Wahlweise wird pauschal, nach Zeit oder Datenmenge abgerechnet, Zusatzleistungen gehen extra. Weitere Unterschiede ergeben sich danach, welchen Telefonanschluss bei welchem Anbieter man nutzt. Gerade Neueinsteigern macht es das fast unmöglich zu entscheiden, was denn nun nötig und sinnvoll ist – zumal der neue Zugang erfahrungsgemäß auch für Änderungen im Nutzerverhalten sorgt. Allerdings gilt für DSL-Anfänger meist eine Faustregel: mit einem „normalen“ DSL-Anschluss mit 768 Kilobit Downloadrate anfangen. Eine Flatrate, also einen Pauschaltarif, buchen und später sehen, ob neue Bedürfnisse entstanden sind.

Dazu kommt: DSL ist in der Relation von Geschwindigkeit und Kosten zwar absolut empfehlenswert für alle, die viel im Netz sind. Allerdings hapert es immer noch gelegentlich mit der Zuverlässigkeit. „Eine Zweitmöglichkeit sollte ich als Nutzer haben, um ins Internet zu kommen, wenn ich auf einen funktionierenden Zugang angewiesen bin“, empfiehlt Johannes Embers, Redakteur der Computerzeitschrift „c’t“.

Eingeschränkt zuverlässig

Dabei hält er die Technologie an sich für erprobt und sicher. Allerdings steigt die Zahl der DSL-Zugänge in Deutschland nach wie vor viel schneller als anfänglich prognostiziert. Rund 3,2 Millionen DSL-Kunden meldet allein T-Online derzeit. Für die Technik bedeutet das, dass permanent erweitert werden muss – der Zwang zum schnellen Arbeiten macht das System offenbar nicht eben sicherer. Außerdem waren die Voraussagen für DSL lange von einem ähnlichen Nutzerverhalten ausgegangen wie bei den bis dahin vorhandenen Technologien. Allerdings brachten die hohen Datenübertragungsraten einen neuen Typus User hervor: 24 Stunden am Tag online, oft rund um die Uhr verbunden mit Tauschbörsen à la Kazaa und E-Donkey, nutzt er die möglichen Up- und Downloadraten permanent voll aus. Wenige Kunden belasten die Leitungen so viel stärker als vorher erwartet worden war.

So schlägt sich Arcor etwa schon seit Wochen mit Beschwerden von Nutzern herum, bei denen die Daten trotz DSL nur bit-weise aus den Leitungen tröpfeln. Der Grund: Anfang des Jahres begann das Unternehmen, aggressiv für seine Zugänge zu werben – und war dabei so erfolgreich, dass die Leitungen mancherorts schlicht überlastet sind. Zwar verspricht das Unternehmen einen weiteren Ausbau der Kapazitäten für die nächsten Wochen und versucht, sich bis dahin mit dem Anmieten weiterer Leitungen zu behelfen. Doch bis die Probleme komplett gelöst sind, dürfte es noch ein wenig dauern.

Wer sich aktuell informieren möchte, wo sich die Störungen häufen, kann auf www.heise.de/imonitor zurückgreifen. Allerdings kann man kaum in „gute“ und „schlechte“ Anbieter unterteilen – und wenn, dann nur kurzfristig: Telekom und T-Online hatten in Berlin etwa zum letzten Mal im Januar Probleme in größerem Umfang.

Gegenüber Modem- oder ISDN-Zugängen ist DSL die bei weitem komplexere Technologie. Wo viele Komponenten und mehrere Partner zusammenarbeiten müssen, kann vieles schief gehen – und dadurch, dass sich DSL eines eigenen Leitungssystems bedient, haben Ausfälle hier gravierendere Folgen als bei Telefon-Verbindungen: Wo sich der Modem-Benutzer meist immer noch bei einem anderen Provider einwählen kann, läuft durch die spezielle DSL-Technologie schnell gar nichts mehr, wenn eine Komponente in die Knie geht. „c’t“-Mann Embers vergleicht das mit Auto- und Bahnfahren: Während ein Baum auf einer von vielen Straßen noch nicht den gesamten Verkehrsfluss zusammenbrechen lässt, sorgt der gleiche Baum auf den Schienen einer ICE-Strecke sofort für gravierende Störungen.

Fazit: DSL ist als Technologie zurzeit sicher alternativlos. Wer allerdings gelegentlich für ein paar Stunden oder Tage nicht auf den Zugang verzichten kann, tut gut daran, Modem oder ISDN-Karte auch weiterhin angeschlossen zu lassen, um im Fall eines Falles ausweichen zu können. Übrigens: Ansprüche auf Schadenersatz sind bei nicht funktionierenden Anschlüssen meist ausgeschlossen. „In ihren allgemeinen Geschäftsbedingungen garantieren die Provider in der Regel nur eine Verfügbarkeit zwischen 95 und 98 Prozent“, meint Bernd Ruschinzik von der Berliner Verbraucherzentrale dazu. Heißt: Mit ein paar Tagen ohne Zugang pro Jahr muss der User einfach leben.

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