Zeitung Heute : Für ein paar Dollar mehr

Christoph Marschall[Washington]

Die Spendeneinnahmen für den Wahlkampf in den USA erreichen ein Rekordniveau. Senator Barack Obama liegt mit 25 Millionen Dollar nur knapp hinter seiner Konkurrentin Hillary Clinton. Welche Rolle spielt Geld für die Chancen der Kandidaten?


Amerika erlebt eine spannende Variante des Märchens vom Wettlauf zwischen Hase und Igel. Eine paar Tage ließ Herausforderer Barack Obama die Favoritin Hillary Clinton im Glauben, sie führe uneinholbar im Rennen um die Spenden für die Präsidentschaftswahl 2008. 26 Millionen Dollar habe sie im ersten Quartal 2007 eingeworben, ließ Hillary verkünden, kaum dass der März vorüber war. Nun konterte der schwarze Senator in aller Ruhe, frei nach dem Igel-Motto: „Bin auch schon da.“ Er habe 25 Millionen. Das offizielle Ergebnis veröffentlicht die Kontrollkommission am nächsten Montag.

Abermals sind die Rollen vertauscht. Hillary, die souverän führen will, wirkt wie die Getriebene, reagiert nervös. Es ist ein kleiner Trost, dass sie nominell vorne liegt, wenn die große Strategie nicht aufgehen will. Die basiert, brutal gesagt, auf dem Angriffsprinzip des US-Militärs: „overwhelming force“, überwältigende Schlagkraft, die den Gegner in „shock and awe“ versetzt, Angst und Schrecken, und ihm jeden Glauben nehmen soll, dass er eine Chance habe.

26 Millionen sind eine Respekt einflößende Summe. Vor vier Jahren hatte John Edwards 7,4 Millionen vermeldet, damals ein Rekord. Weitere zehn Millionen hat Hillary aus ihrem Senatswahlkampf 2006 übrig, auch die darf sie übertragen. Die Clintons wissen, sie ist nicht die Kandidatin der Herzen. Ihr Trumpf: Niemand verfügt über eine besser geölte Politmaschine. Ihre Nominierung soll unausweichlich erscheinen. Die innerparteiliche Konkurrenz reagierte vor einer Woche sofort auf die Gesamtsumme von 36 Millionen: John Edwards meldete 14 Millionen, Bill Richardson, Gouverneur von New Mexico und erster Hispanic im Rennen, sechs Millionen. Auch die Republikaner fühlten sich herausgefordert und nannten Zahlen (siehe Meinungsseite).

Nur Obama verweigerte sich dem Drehbuch – und beherrschte nun mit seinen 25 Millionen die Ostertage. In Einzelbereichen liegt er vor ihr. Im Internet warb er 6,9 Millionen ein, sie 4,2. Das Medium gilt als potenziell wahlentscheidend. Für ihn spendeten 100 000 Anhänger, für sie 50 000. Das heißt auch: Die Clinton-Fans gaben höhere Summen, sind vermögender. Das hat jedoch eine Kehrseite. Obama kann seine Fans wieder um Geld bitten, bei Hillary haben viele bereits das erlaubte Maximum pro Wahlkampfphase gegeben: 2300 Dollar für die Primaries, die Vorwahlen, in denen jede Partei entscheidet, wer für sie ins Rennen geht, und 2300 Dollar für die Präsidentschaftswahl selbst.

Genaueres wird man nächste Woche erfahren: Wie viel Geld haben die Kandidaten „cash on hand“, wie viel bereits ausgegeben? Welcher Teil der Kriegskasse ist für die Primaries, welcher für die Hauptwahl – und muss zurückgegeben werden, wenn der/die Betreffende am Ende nicht nominiert wird?

Geld ist aus zwei Gründen wichtig: Jetzt, ein Jahr vor den Primaries, gilt das Spendenvolumen als Attraktivitätstest. Wie viele Bürger sind bereit, Hillary, Obama oder jemand anderen aus dem eigenen Portemonnaie zu unterstützen? In der heißen Phase wird der Wahlkampf dann, zweitens, richtig kosten. Vielerorts sind teure Werbespots im Fernsehen das einzige Mittel, um 300 Millionen Bürger in dem weiten Land zu erreichen. 4000 Kilometer liegen zwischen Ost- und Westküste, 2500 zwischen kanadischer und mexikanischer Grenze. Obama hat jetzt bewiesen: Hillarys Nominierung ist nicht unausweichlich. Er ist eine ernsthafte Alternative.

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