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Die Furcht vor dem Irrtum: Amerika streitet weiter über die Todesstrafe

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Zwei Drittel der Amerikaner sind für die Todesstrafe, aber die Unterstützung ist im vergangenen Jahrzehnt deutlich zurückgegangen. 1994 hatten sich noch 80 Prozent dafür ausgesprochen. Vor die Wahl gestellt, ob bei Mord nicht auch eine lebenslängliche Freiheitsstrafe ohne die Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung ausreiche, sind die Amerikaner gespalten: In diesem Fall plädieren 50 Prozent für die Todesstrafe. Das berichtet die „Washington Post“ mit Blick auf die 1000. Hinrichtung seit Wiederzulassung der Todesstrafe durch das Oberste Gericht 1976, die Exekution von Kenneth Boyd in North Carolina am Freitag. Für die Nacht war im benachbarten South Carolina die Hinrichtung des Raubmörders Shawn Paul Humphries angesetzt.

Der 57-jährige Boyd, der am gestrigen Morgen durch die Giftspritze starb, ist kein Beispiel für die wachsenden Zweifel vieler Amerikaner an der Todesstrafe. Der Vietnamveteran hatte 1988 seine Frau und seinen Schwiegervater in Anwesenheit seiner zwei Kinder umgebracht; die Polizei fand sie im Blut ihrer Mutter liegend. Boyds Familie hatte sich inzwischen mit ihm versöhnt und um seine Begnadigung gebeten.

Typischer für den langsamen Stimmungswandel in den USA ist die kürzliche Begnadigung von Robin Lovitt in Virginia, der am Mittwoch sterben sollte. Das Beweismaterial zu seiner Verurteilung wegen Raubmordes in einem Spielsalon war nach Ausschöpfung des Instanzenweges vernichtet worden – was der Verteidigung die Möglichkeit nahm, die Tatwaffe auf DNA-Spuren untersuchen zu lassen. Das hatte Gouverneur Mark Warner zur Begnadigung veranlasst, der ersten überhaupt in Virgina seit 1983.

Die Furcht vor tödlichen Justizirrtümern ist der Hauptgrund für Zweifel an der Todesstrafe. In Texas, dem Staat mit den meisten Exekutionen, soll der Fall des 1993 hingerichteten Ruben Cantu jetzt wieder aufgenommen werden. Er soll vor 20 Jahren als 17-Jähriger bei einem Raubüberfall in San Antonio einen Mann umgebracht haben. Cantu hatte seine Unschuld beteuert – er sei zu dem Zeitpunkt in einer anderen Stadt gewesen. Ein Hauptbelastungszeuge, der am Raub beteiligte, damals 15-jährige David Garza, hat inzwischen widerrufen; er sei im Polizeiverhör durch Druck und das Angebot einer Strafminderung zu der falschen Beschuldigung gebracht worden.

In Illinois hatte Gouverneur George Ryan direkt vor dem Ende seiner Amtszeit 2003 alle 167 Todeskandidaten begnadigt, nachdem mit DNA-Analysen die Unschuld einiger Verurteilter nachgewiesen worden war. Dieser Akt gilt inzwischen als überzogen, Ryan hätte die Begnadigung nur in Zweifelsfällen aussprechen sollen, sagen die Kritiker. Seither sind in Illinois zehn neue Todesurteile verhängt worden, nachdem das dortige Parlament die Gesetze geändert, mehr Geld für die Verteidigung von Mordangeklagten bereitgestellt und die Polizei verpflichtet hatte, alle Verhöre Mordverdächtiger auf Video aufzunehmen.

Die US-Zeitungen zitieren in ihren Freitagsausgaben Strafrechtsprofessoren zur Problematik von Begnadigungen. Es sei ein Instrument für Einzelfälle und dürfe nicht zur Korrektur der Justiz benutzt werden. Bei Zweifeln sei der bessere Weg, Gerichten die Möglichkeit zur Korrektur zu geben. Auffallend ist, dass Gouverneure in der Regel erst am Ende ihrer Amtszeit Begnadigungen aussprechen, wenn keine Wiederwahl mehr ansteht.

In 38 der 50 Einzelstaaten gibt es die Todesstrafe. Sie habe abschreckende Wirkung, sagen die Strafverfolger. In den jüngsten Jahren ist sie aber seltener verhängt und vollstreckt worden als früher. 2004 wurde die Todesstrafe 125 Mal ausgesprochen, in den 90er Jahren im Schnitt 290 Mal pro Jahr. 1998 gab es 99 Hinrichtungen, 2004 59, 2005 waren es bisher 57. Von den Exekutierten seit 1976 waren 58 Prozent Weiße, 34 Prozent Schwarze und 6 Prozent Hispanics.

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