Zeitung Heute : Für eine weltoffene Gesellschaft

Margret Wintermantel, Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, über die Zukunft des DAAD.

Die Welt trifft sich. Studenten der Universität Hamburg unterhalten sich während eines Sommerkurses in einem Park hinter dem Hauptgebäude an der Edmund-Siemers-Allee. Foto: Doerthe Hagenguth
Die Welt trifft sich. Studenten der Universität Hamburg unterhalten sich während eines Sommerkurses in einem Park hinter dem...

Vor 62 Jahren wurde der DAAD als Verein deutscher Hochschulen und ihrer Studentenschaften mit dem Ziel neu gegründet, den internationalen Austausch zu fördern. Was hat sich heute gegenüber den Anfängen verändert?

1950 wurden über den DAAD rund 400 Stipendien vergeben. 2011 waren es fast 69 000 geförderte Studierende und Wissenschaftler. Das Budget des DAAD und seine Aufgaben sind also erheblich gewachsen und der akademische Austausch ist enorm gesteigert worden. Unter den Geförderten sind Studierende und Wissenschaftler, die nach Deutschland kommen und Deutsche, die ins Ausland gehen.

Welcher Entwicklung trägt diese Intensivierung Rechnung?

Wissenschaft war immer schon international, aber das Studium nicht unbedingt. Der Austausch zwischen Forschern rund um den Globus ist seit langem üblich und muss weiter intensiviert werden. Internationalisierung wird aber heute in einem viel umfassenderen Sinn verstanden. In einer global vernetzten Welt kommt es darauf an, Grenzen zu überwinden – im Denken und im Handeln. Das Rüstzeug hierfür sollte schon im Studium vermittelt werden. Der DAAD folgt mit seinen Programmen diesem erweiterten Verständnis von Internationalisierung.

Der DAAD hat sich erstmals ein Jahresthema gegeben: „Gesellschaft im Wandel – Wandel durch Austausch“. Welche Botschaft wollen Sie damit vermitteln?

Das Motto des DAAD ist „Wandel durch Austausch“. Dahinter steht die Überzeugung, dass nur derjenige die Herausforderungen der Zukunft bewältigen kann, der die unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaften mit ihren jeweiligen Perspektiven kennt. Dies lässt sich am besten erreichen, wenn durch einen weltweiten Austausch der eigene Blickwinkel erweitert wird. Das Jahresthema „Gesellschaft im Wandel – Wandel durch Austausch“ greift die Thematik der unterschiedlichen globalen Transformationsprozesse auf und regt an, über zukunftsorientierte Handlungsmuster nachzudenken. Es bündelt somit die verschiedenen DAAD-Aktivitäten und soll zugleich deutlich machen, dass der interkulturelle Austausch wesentlich ist, um gesellschaftlichen Wandel aktiv gestalten zu können.

Wie unterstützt der DAAD die Transformationsländer im arabischen Raum?

Eine ganze Reihe von Aktivitäten konzentriert sich darauf, den Hochschulen im arabischen Raum dabei zu helfen, ihre Leistungsfähigkeit zu stärken, um ihrer zentralen Rolle im Demokratisierungsprozess gerecht zu werden. Wie konzipiert und gestaltet man eine moderne Hochschule? Wie garantiert man den akademischen Freiraum von Forschung und Lehre, der notwendig ist, um Erkenntnisfortschritte zu erzielen? Zu einem modernen Konzept der akademischen Bildung gehört auch die Partizipation aller beteiligten Gruppen. In dem vom DAAD neu aufgelegten Programm der Hochschulpartnerschaften werden die Transformationsländer bei dieser Entwicklung aktiv unterstützt. Die Projekte werden gemeinsam mit den Partnerhochschulen vor Ort geplant und realisiert. Das Netzwerk des DAAD ist auch in dieser Region äußerst aktiv.

Gibt es auch spezifische Bildungsprogramme?

Zugeschnitten auf junge Menschen aus den Transformations- und Entwicklungsländern ist beispielsweise das Programm „Entwicklungsländerbezogene Aufbaustudiengänge“. Damit fördert der DAAD das Studium von zukünftigen Fach- und Führungskräften aus diesen Ländern, die schon erste Berufserfahrungen gemacht haben. Sie erwerben Fachwissen und darüber hinaus Methoden und Handlungskompetenzen. Damit sollen sie in ihren Heimatländern Entwicklungen anstoßen und Veränderungen mitgestalten können. Diese Studiengänge überschreiten also die Grenzen der akademischen Disziplinen und konzentrieren sich auf globale Themen, die für die Entwicklung entscheidend sind, wie zum Beispiel Klimawandel und Nachhaltigkeit, Internationaler Handel, Gesundheitsmanagement oder der Umgang mit Ressourcen.

Welches Ziel haben diese Programme?

Wer einen solchen Master-Studiengang durchläuft, erwirbt nicht nur Fachkenntnisse, sondern auch strategische, operative und kommunikative Kompetenzen. Wie geht man mit dem erlernten technischen Wissen um? Wie setzt man es für den Fortschritt und Wandel der eigenen Gesellschaft ein? Über 70 Prozent der Absolventen dieser Aufbaustudiengänge kehren in ihre Heimatländer zurück und übernehmen dort verantwortungsvolle Positionen.

Die Welt verändert sich auch unter dem Einfluss  des Klimawandels und natürliche Ressourcen werden knapper. Lösungen erfordern grenzüberschreitende Anstrengungen und Dialoge. Welche Rolle übernimmt der DAAD hier?

Der DAAD fördert eine Vielzahl von Programmen und Projekten, deren Ziel es ist, diesen Veränderungen konstruktiv zu begegnen: Vom Studierendenaustausch über die Förderung von Forschern und Forschungskooperationen bis hin zur Alumni-Arbeit reichen die Aktivitäten des DAAD. Sie haben zum Ziel, gemeinsame grenzüberschreitende Problemlösungen zu finden. Unsere Alumni in allen Ländern dieser Welt sind Freunde und Partner des DAAD und damit Deutschland auf besondere Weise verbunden. Dies ist ein großer Schatz.

Dabei kommt es auch auf die Erfahrungen an, die internationale Studierende an deutschen Hochschulen machen?

Ganz sicher! Der DAAD trägt Verantwortung dafür, dass sich die positiven Wirkungen seiner Programme schließlich auch entfalten können. Der Aufenthalt für die Studierenden aus aller Welt an unseren Hochschulen soll für sie selbst, ihre Gesellschaften und den internationalen Dialog einen Nutzen haben. Nehmen wir das Beispiel Brasilien: Von dort werden in den nächsten Jahren rund 10 000 Studierende an deutsche Hochschulen kommen. Der DAAD trägt dafür Sorge, dass sie dieses Programm mit Erfolg für sich und ihr Land nutzen können.

Wie kümmert sich der DAAD um Deutsche, die ins Ausland gehen?

Die Verantwortung gilt generell: Auch für Deutsche, die im Ausland studieren, müssen die Rahmenbedingungen stimmen, damit die positiven Ziele eines Auslandsaufenthaltes auch erreicht werden. Ein großer Erfolg ist dabei das ERASMUS-Programm, dessen 25. Jubiläum wir in diesem Jahr feiern. Kürzlich konnten wir die 400 000ste Stipendiatin in diesem Programm begrüßen. Unser Ziel ist es, die Mobilität unserer Studierenden noch weiter zu steigern.

Sie waren bis April 2012 Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Welche Weichen wollen Sie vor diesem Hintergrund nun unter Ihrer DAAD-Präsidentschaft stellen?

Die HRK setzt sich dafür ein, dass jede deutsche Hochschule ihre jeweils eigene Internationalisierungsstrategie entwickelt, die Teil ihrer allgemeinen Entwicklungsstrategie ist. Auf diese Strategien muss der DAAD mit seinem Programmangebot antworten und hat mit der Förderung von „Strategischen Partnerschaften und thematischen Netzwerken“ bereits begonnen. Wenn internationale Partnerschaften zwischen Hochschulen anlaufen, dann sind die zugeschnitten auf die jeweiligen Profile der Hochschulen und die Bildungsprogramme passen zu den Schwerpunkten.

Wie steht es dabei um die Anerkennung von Studienleistungen?

Dieses Thema liegt mir sehr am Herzen. Wir müssen auch in diesem Zusammenhang ernst nehmen, dass es im Studium weniger darum geht, Wissen zu akkumulieren als individuelle Kompetenzen aufzubauen. Die Anerkennung von Studienleistungen muss sich zukünftig stärker daran orientieren.

Welche Aufgaben stehen in der Zukunft noch an?

Um die Innovationsstärke und Leistungsfähigkeit unseres Wissenschaftssystems zu erhalten und zu fördern, kommt es darauf an, offen gegenüber anderen zu sein und internationale Kooperationen sowie weltweiten Austausch zu unterstützen: in Forschung, Studium und beim Erkenntnistransfer in die Gesellschaft. Die zukünftigen Herausforderungen machen vor den Grenzen nicht halt. Diese Offenheit aktiv zu fördern, wird sich der DAAD auch in Zukunft als Aufgabe stellen.

Das Gespräch führte Bettina Mittelstraß

Professorin Dr. Margret Wintermantel

ist seit dem 1. Januar 2012 Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD).

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

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