Zeitung Heute : Für einen Freund

Warum Pitbulls und Bullterrier zu Recht Familienmitglieder sind. Eine Ehrenrettung des Hundes

Gert Haucke

Die Herren hoch Qualifizierten haben es wieder einmal geschafft, sich herauszuhalten. Es geht doch gar nicht um Importverbote für die – natürlich zu Unrecht – vier Verdammten. Es geht auch nicht um Zuchtverbote irgendwelcher – natürlich zu Unrecht – denunzierter Rassen. Es geht darum, dass mit sechzehn Länderverordnungen, die aus einer üblen Mischung von mangelndem Sachverstand und behördlicher Hybris bestehen, unendlich viel Leid, Tränen und wohl auch ohnmächtiger Hass in tausende von Familien getragen würde. Familien, die seit Jahren mit Kind, Opa und Schwiegermutter darin einig waren, dass ihr Wuffi, Struppi, Wotan, Champ der beste aller Hunde ist, an dessen Freundlichkeit und Klugheit niemals Zweifel aufkamen. Und plötzlich soll das alles nicht wahr sein.

Plötzlich werden Hundehalter mit Drangsalen überschüttet, etwa dem Maulkorbzwang. Oder dem Leinenzwang: Ein flagranter Verstoß gegen den Tierschutz, der eben erst ins Grundgesetz aufgenommen wurde. Da steht nämlich ewas über die Verpflichtung zu artgerechter Haltung. Hunde sind Läufer, können sie nicht laufen, werden sie erst krank und dann bösartig. Deshalb werden sie dann verteufelt. Circulus vitiosus: Die Schlange beißt sich in den Schwanz.

Dazu kommen finanzielle Auflagen, denen nur betuchte Hundehalter gewachsen sind: Steuern, von heut auf morgen um das Zehnfache erhöht. Oder der Zwang zum „Wesenstest“, von Imkompetenten verordnet und von Inkompetenten abgenommen. Für viel Geld. Und das Ergebnis ohne jeden Aussagewert. Irgendjemand entscheidet darüber, ob das geliebte Familienmitglied Hund in der Familie bleiben darf, oder in den Knast kommt, wenn er den Wesenstest nicht bestanden hat oder der Halter zahlungsunfähig ist. Oder er wird sogar exekutiert – wenn Wuffi intelligent genug war, zu begreifen, dass diese Leute, die ihn mitnehmen wollen, ihm und seiner Familie Gewalt antun. Da könnte Wuffi zum erstenmal in seinem Leben böse werden und damit seinen guten Charakter zeigen – wird nun aber erst recht gewaltsam entfernt. Siehe oben.

Darum also geht es. Um verordnete Willkür, um Ermunterung der Denunzianten: Man sieht die Blockwartnachkommen flugs aus ihren Souterrains kriechen, um endlich der Familie aus der ersten Etage eins auszuwischen, die dem Erfolglosen schon immer ein Dorn im Auge war (Teureres Auto, größere Wohnung, feinere Klamotten). Eine Flutwelle des Unrechts also, zusammengefasst alle Vorschriften und Willkürmaßnahmen, die da über friedliche Familien und ihre Hunde hereinbrach. Darum also geht es, meine Herren Verfassungsrichter: Um Blut und Tränen und nicht um irgendwelche Einfuhrverbote oder Zuchtvorbehalte. Die sind ohnehin Makulatur: Kommt der Hund eben aus dem Nachbarland „zu Besuch“.

Falsch: Schäferhunde und Co. sind proportional weniger häufig an Beißvorfällen beteiligt? Wo bitte ist der Nachweis darüber nachzulesen. Und was die genetische Disposition angeht: Das hat nun wiederum absolut nichts mit einer bestimmten Rasse zu tun, sondern mit einer negativen Zuchtauswahl krimineller Hundevermehrer: Schon mit fünf Wochen lassen sich einzelne Welpen als überdurchschnittlich aggressiv ausmachen. Aus der Zucht genommen und in erfahrenen Händen können das noch erfreuliche Hunde werden. Geschieht das Gegenteil, wird immer wieder Aggression mit Aggression gepaart, entsteht Frankensteins Monster: Von ebenso kranken Menschenhirnen produziert. Soviel zu den zitierten „genetischen Ursachen“.

Bleibt die Frage: Warum denn tun sich cirka zehn Millionen Menschen in Deutschland die zunehmenden Querelen an, die mit der Hundehaltung zwangsläufig verbunden sind? Offensichtlich sind die nutzlosen Beller und Straßenscheißer in der Lage „ihrem“ Menschen etwas zu geben, was rar geworden ist im Zusammenleben unserer Art. Nennen wir es, vereinfachend aber zutreffend, Liebe. Und: „Juristerei ist die Kunst, bei der Rechtsprechung Formfehler zu vermeiden.“ Bitte: Das ist nicht von mir, sondern von einem befreundeten Rechtsanwalt.

Haucke ist Schauspieler, Autor mehrerer Hundebücher und Tierliebhaber.

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