Zeitung Heute : Für Herz und Nieren

Hartmut Wewetzer

Eine deutsche Krankenkasse hat Gentests an 6000 Personen durchgeführt. Wenn die Ergebnisse aussagekräftig sind, wären dann Gentests für alle Versicherten sinnvoll?

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen Post von Ihrer Krankenkasse, Inhalt: eine Einladung zum Gentest. Sie müssen nur eine Blutprobe abgeben, und schon bekommen Sie Aufschluss darüber, ob Sie irgendwann in Ihrem Leben an einer lebensbedrohlichen Störung erkranken. Um die Krankheit zu verhüten, müssen Sie nur vier Mal im Jahr Blut spenden.

Klingt verführerisch, oder? Die Rede ist von der Eisenspeicherkrankheit Hämochromatose. Erstmals hat eine deutsche Krankenkasse 6000 Versicherte darauf testen lassen, ob sie das krankmachende Gen besitzen. Der Test war freiwillig, das Ganze ein Modellversuch. Aber, kommen jetzt Gentests für alle?

Vorerst nicht, denn die Reihenuntersuchung ist eine Ausnahme. „Es gibt nichts Vergleichbares“, sagt Jörg Schmidtke, Humangenetiker an der Medizinischen Hochschule Hannover und Studienleiter. „Denn wer ein positives Testergebnis hat, kann mit dem Aderlass einfach vorbeugen.“ Ein zweiter Grund für die Reihenuntersuchung: Die Störung ist vergleichsweise häufig. Jeder 400. Bundesbürger ist „homozygot“ für die Krankheit, hat also zwei krankhafte Kopien des ursächlichen Gens. Das führt dazu, dass der Körper zu viel Eisen aufnimmt, was zu Schrumpfleber (Zirrhose), Diabetes und Herzleiden führen kann.

Nachteil der Reihenuntersuchung: Die meisten positiv Getesteten (mehr als 90 Prozent) erkranken niemals, sorgen sich also umsonst und beugen ohne Grund vor. Hinzu kommen jene Personen, die nur eine Kopie des krankhaft veränderten Gens haben und ein noch viel geringeres Risiko tragen. Was soll man ihnen raten? Immerhin sind vermutlich zehn Prozent der Bevölkerung Träger eines veränderten Hämochromatose-Gens.

Noch aus einem anderen Grund sind Gentests für alle allenfalls Zukunftsmusik. Denn häufige Leiden wie Diabetes, Herzinfarkt oder Krebs stehen meist nicht in den Genen geschrieben – oder aber es sind so viele Erbanlagen beteiligt, dass ein simpler Test versagen muss. Und was, wenn eines Tages doch Testverfahren vorliegen? „Das Testergebnis geht nur den Patienten etwas an“, sagt der Humangenetiker Schmidt. Wenn es nach dem Willen des Gesundheitsministeriums geht, soll noch in dieser Legsislaturperiode ein Gentestgesetz verabschiedet werden, das Voraussetzungen und Bedingungen für medizinische Gentests regelt.

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