Zeitung Heute : Für Ideale eintreten

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Wenn F. & M. aus Basel zu Besuch kommen, ist immer Politik angesagt. Diesmal die RAF-Ausstellung. Da ist viel Kunst zu sehen: zum Beispiel verwackelte Porträtfotos von Terroristen. Ähnliche Bilder habe ich früher für die „Weiler Zeitung“ auch geknipst. Allerdings vom Leiter des Katzenmuseums.

Von Joseph Beuys sind Filzpantoffeln da; dazu ein Schild mit seinem Angebot, Mitglieder der RAF durch die „documenta“ zu führen. Leider ist Beuys schon tot. Sonst hätte er uns vielleicht durch die RAF-Ausstellung geführt. Ich bin ja immer froh, wenn mir jemand komplizierte Dinge erklärt. Nicht, dass ich RAF-Mitglied wäre: In meiner alten Basler Heimat gab es zum Glück gar keine RAF. Dafür die reizende RSJ, die „Revolutionär Sozialistische Jugend“. Bei uns fand die Revolution nur verbal statt, aber auch wir wollten die Welt verändern.

Am interessantesten fand ich das Erdgeschoss: Da wurde dokumentiert, wie die RAF und die Studentenbewegung in den Medien dargestellt worden sind. Verzerrt oder treffend – das darf jeder selbst entscheiden.

Einige Bilder kannte ich noch aus der Kindheit: Das Foto von Hanns Martin Schleyer als RAF-Gefangener etwa, oder die Fahndungsfotos, die auch in Basel an jedem „Bolizeiboschte“ (Polizeidienststelle) hingen.

Das mit der Gewalt fand ich nie gut, die Idee, das politische System radikal zu verändern aber faszinierend. Das muss aufregend gewesen sein zur Zeit der Studentenbewegung, dachte ich, gerade in Berlin! Seltsam, nun auf Video zu sehen, mit welchem Bierernst damals oft die banalsten Diskussionen geführt worden sind. Bei allem Respekt vor den deutschen Pionieren, da konnten wir in Basel in den achtziger Jahren locker mithalten.

F. & M. mussten schließlich von Wärtern aus dem Museum gejagt werden, sonst hätten sie dort übernachtet. Die beiden ärgern sich manchmal, dass ich nicht mehr so engagiert bin, politisch. Dabei trete ich zumindest im kleinen Kreis noch immer für meine Ideale ein. Heute werde ich mir beispielsweise ein Müsli zubereiten. Denn wie sagt Kampfgenosse H. so treffend: „Wer sich nicht ernährt, der lebt verkehrt!“

„Zur Vorstellung des Terrors“: bis 16. Mai in den Kunst-Werken, Auguststr. 69, in Mitte.

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