Zeitung Heute : „Für mich ist der DFB tot“

Der Tagesspiegel

Von Michael Rosentritt

Berlin. Im Mozart-Saal der Alten Oper zu Frankfurt fand gestern nicht jeder den richtigen Ton. „Es ist die größte Schweinerei, die ich erlebt habe“, sagte Franz Böhmert. Der Aufsichtsratsvorsitzende des SV Werder Bremen, der oft als Chef de Mission der deutschen Fußballnationalmannschaft fungiert hat, war verärgert. Aber nicht nur er. Die Entscheidung über die Vergabe der Spiele für die Fußball-WM in Deutschland 2006 ist in den drei gescheiterten Städten Bremen, Mönchengladbach und Düsseldorf mit herber Kritik aufgenommen worden.

1515 Tage vor Beginn der WM stehen die drei Städte als Verlierer fest. Bis gestern waren 15 Bewerber übrig gebliebenen (vor einem Jahr waren es 24). WM-Spiele werden in Berlin, Dortmund, Frankfurt, Gelsenkirchen, Hamburg, Hannover, Kaiserslautern, Köln, Leipzig, München, Nürnberg und Stuttgart stattfinden. Die Entscheidung über die Spielstätten fiel nach Angaben des WM-Organisationskomitees am Montagmorgen in einer Sitzung mit Vertretern des Weltfußballverbandes Fifa. Ausschlaggebend waren regionale Gesichtspunkte, meinte Fifa-Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen.

Bremen warf dem DFB vor, sein Versprechen gebrochen zu haben. Die Hansestadt beruft sich auf eine Aussage von DFB-Ehrenpräsident Egidius Braun vor drei Jahren anlässlich der 100-Jahr-Feier von Werder Bremen, dass das Weserstadion WM-Arena werde. „Ich bin wütend und enttäuscht, Hannover wird die Expo-Pleite nahtlos fortsetzen. Wir sind ein Kanzler-Opfer geworden. Für mich ist der DFB tot“, sagte Böhmert erregt. Bremen sei als Staffage benutzt worden, meinte der frühere Präsident von Werder. Sein Nachfolger Jürgen Born fügte hinzu: „Werder steht in den letzten 15 Jahren auch sportlich für Erfolg, doch stattdessen haben nun Städte von Bundesliga-Auf- oder -Absteigern den Zuschlag erhalten. Das ist für uns nicht nachvollziehbar. Als Stadt, die weder bei der letzten EM auf deutschem Boden 1988 noch bei der WM 1974 berücksichtigt wurde, wären wir mal dran gewesen.“

Großes Unverständnis rief die Nicht-Berücksichtigung auch in Mönchengladbach hervor. „Die Entscheidung hat bei uns, bei den Bürgern unserer Stadt und den Fans von Borussia Mönchengladbach große Enttäuschung ausgelöst“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Oberbürgermeisterin Monika Bartsch und Borussia Mönchengladbachs Vereinspräsident Adalbert Jordan. Deutlicher wurde Gladbachs Vereinsmanager Christian Hochstätter: „In jedem anderen Land wären die Verdienste eines Traditionsvereins wie Borussia mehr gewürdigt worden. Wir sind übergangen worden.“ Fifa-Präsident Joseph Blatter hatte andere Sorgen. „Ich muss den Deutschen gratulieren. Sie haben eine Infrastruktur geschaffen, die es uns erlaubt, 2006 die vielleicht größte WM durchzuführen.“ Das WM-Organisationskomitee erhielt gestern von der Fifa die Zusage über eine finanzielle Unterstützung in Höhe von 250 Millionen Schweizer Franken (172,5 Millionen Euro) für die Ausrichtung der WM. Für die gestern ausgeschiedenen Bewerberstädte wird es Trostpreise in Form von attraktiven Länderspielen geben. Düsseldorf, Mönchengladbach und Bremen sollen bei Auftritten des DFB-Teams bevorzugt behandelt werden.

In München wird das Haupt-Pressezentrum eingerichtet. In Berlin, wo die Fifa während der WM ihren Hauptsitz hat, soll ebenfalls ein Pressezentrum entstehen. Die Auslosung für die WM-Qualifikation findet am 5. Dezember 2003 in Frankfurt statt. Die Endrunden-Gruppen sollen Ende 2005 in Leipzig ausgelost werden.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!