Zeitung Heute : „Für uns eine Erfolgsstory“

Botschafter Marek Prawda über Polens Sicht auf die EU – und auf die Kanzlerin

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Wie haben Sie die Europäische Union in Zeiten des Kommunismus wahrgenommen?

Ein Bezugspunkt war sie auf jeden Fall für uns. Wir Polen waren ja „auf der anderen Seite“. Wenn wir Länder der damaligen „EG“ besucht haben – wir hatten ja eine eingeschränkte Reisefreiheit – dann haben wir erst so richtig gemerkt, wie viel uns zu Hause versagt blieb, wie sehr wir um unsere Biografien betrogen wurden. Wir haben uns damals gefragt, ob sich das für unsere Kinder und Enkel jemals ändern wird. Wirklich geglaubt haben daran nicht mehr viele – umso größer ist jetzt die Freude, wieder Teil der europäischen Gemeinschaft zu sein.

Polen ist seit 2004 EU-Mitglied. Hat sich aus Ihrer Sicht die Mitgliedschaft für Polen bezahlt gemacht?

Der Beitritt war für uns wie der Schlussstein zurück ins Bewusstsein Europas. Mein Land hat seinen Platz auf der internationalen Bühne wieder erlangt und die jahrzehntelange Abhängigkeit überwunden. Wir konnten die Beziehungen zu unseren großen Nachbarn Russland und Deutschland klären und auf eine neue Grundlage stellen. Vor allem aber fühlen wir uns wieder als Spieler, nicht als Spielfeld nationaler Interessen, so wie wir es früher so oft waren.

Wie ist die Bilanz der Bevölkerung nach zwei Jahren in der EU?

Überaus positiv. Wir fühlen uns als Teil einer Gemeinschaft – und profitieren ja auch davon. Das sieht man etwa bei den Bauern. Vor dem Beitritt lag deren Akzeptanz für die EU nur bei 25, kurz nach der Aufnahme in die EU stieg sie auf über 70 Prozent. Viele Polen sehen jetzt, wie sich der Beitritt auswirkt – ob im Straßenbau, in der Landwirtschaft oder wie in meiner Heimatstadt Kielce, wo wir jetzt mit EU-Hilfen eines der modernsten europäischen Fußballstadien bauen konnten. Europa ist für uns eine Erfolgsstory.

Polen hat die längste Ostgrenze aller EU-Länder. Man hat den Eindruck, Polen würde die Grenzen gerne noch weiter nach Osten verschieben …

Die jetzige Grenze darf aus unserer Sicht niemanden ausgrenzen. Europas Einigung ist mit der Osterweiterung noch nicht zu Ende. Zudem hat es sich nie ausschließlich geografisch definiert, sondern als Kulturraum. Die Ukraine gehört aus unserer Sicht dazu, und wir fühlen uns in der Pflicht, für unsere Nachbarn die Option auf eine Mitgliedschaft offenzuhalten.

Hält Europa das aus?

Langfristig ja. Und vergessen Sie nicht, wie groß die mobilisierende Wirkung solch einer Option für die Gesellschaft sein kann. Das haben wir selber erlebt. Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowitsch hat einmal gesagt, wenn wir Polen etwas für die Ukraine tun wollten, dann sollten wir daran erinnern, dass es sie gibt und dass sie im Zentrum Europas liegt. Gelegentlich muss man tatsächlich daran erinnern.

Gehört auch die Türkei nach Europa?

Polen gehörte schon immer zu den Ländern, die für den Beitrittswunsch der Türken Verständnis hatten. Der Türkei von vornherein die Tür nach Europa zuzuhalten, hielte ich nicht für sinnvoll. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir von längeren Zeiträumen sprechen.

Fühlen Sie sich von den alten EU-Ländern als gleichwertiger Partner akzeptiert?

Ich glaube, dass sich die Wahrnehmung der neuen Mitglieder im Westen noch immer zu sehr als Quelle von Sorgen beschränkt. Dabei hat der Osten selbst viel zum Zusammenwachsen Europas beigetragen. Heute ist Mitteleuropa eine Chancenregion, die Wirtschaft boomt. Das macht uns selbstbewusst. Wir haben jetzt ein neues Europa – mit einem Gravitationszentrum, das sich nach Osten verschoben hat.

Polen wird eher als Europa-Verhinderer wahrgenommen.

Zu Unrecht. Wir haben etwa im Streit mit Russland um polnische Fleischimporte europäische Solidarität eingefordert – und auch bekommen, da das Embargo die Interessen Gesamteuropas berührte. Dass die EU – auch dank deutscher Hilfe – dieser Bitte entsprochen hat, war für uns eine sehr gute Erfahrung. Je mehr wir solche Erfahrungen machen, desto stärker wirken sie sich auf unser Verhalten aus. So war es beim EU-Energiegipfel vor zwei Wochen Polen, das in der Frage der Emissionsbeschränkungen zum Kompromiss maßgeblich beigetragen hat.

Polen gehörte bislang zu den Ländern, die dem Entwurf der EU-Verfassung skeptisch gegenüberstehen. Bleibt es dabei?

Wir stimmen Deutschland zu, dass der bisherige Vertragsentwurf die Grundlage für die weitere Debatte sein sollte. Wir brauchen ein starkes und vereinigtes Europa – und dafür die richtigen Strukturen. Ob der Stimmenschlüssel bei Gemeinschaftsentscheidungen für kleine und schwächere Länder gerecht ist, ist zwar aus unserer Sicht fraglich. Bis 2009 sollten wir hier aber zu einer Einigung kommen, am besten im Rahmen einer Regierungskonferenz.

Ist die neue Haltung Polens ein Verdienst Angela Merkels?

Ihr Besuch in Polen war jedenfalls ein großer Erfolg. Die Kanzlerin hat auf viele Polen einen starken Eindruck hinterlassen – nicht zuletzt auch deshalb, weil sie durch ihre eigene Biografie so glaubwürdig wirkt. In einer schwierigen Phase der deutsch-polnischen Beziehungen hat sie Vertrauen geschaffen und ist auf Polen zugegangen. Das war sehr wichtig.

Die Gespräche führten Gerd Appenzeller, Sebastian Bickerich, Rolf Brockschmidt und Albrecht Meier.

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