• „Für viele ist Deutschland Hoffnung“ Jürgen Trittin über die Folgen eines Irak-Kriegs und die Notwendigkeit, ihn zu verhindern

Zeitung Heute : „Für viele ist Deutschland Hoffnung“ Jürgen Trittin über die Folgen eines Irak-Kriegs und die Notwendigkeit, ihn zu verhindern

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Herr Minister, wie wahrscheinlich ist es, dass die USA im Sicherheitsrat eine Mehrheit für die neue IrakResolution erhält?

Die Bundesregierung ist wie die Mehrheit der Europäer und die Mehrheit im Sicherheitsrat der Auffassung, dass wir kein neues Mandat brauchen, sondern die Umsetzung der Resolution 1441. Wir müssen alles dafür tun, dass die Inspekteure auf der Basis dieser Resolution weiter ihrer Arbeit nachgehen können. Bis 1998 sind durch die Tätigkeit der Inspekteure mehr Waffen vernichtet worden als durch den Golfkrieg von 1991. Als Alternative wird der Einsatz kriegerischer Gewalt gepredigt. Jeder, der dies tut, sollte dieses Mittel sehr sorgfältig abwägen und in Rechnung stellen, was ein Krieg für den Irak bedeutet. Das Land liegt heute schon am Boden.

Auch nach Einschätzung von Außenminister Fischer stehen die Chancen, den Krieg noch zu verhindern, ziemlich schlecht. Ist der Preis nicht zu hoch, wenn die Bundesregierung mit ihrem neuen deutsch-französisch-russischen Plan sowohl das Verhältnis zu den USA als auch die Einigkeit der EU gefährdet?

Angesichts der verheerenden Folgen, die ein Krieg nicht nur für die Menschen im Irak, sondern für die gesamte Region hätte, müssen wir jede Chance nutzen, um einen solchen Krieg zu verhindern. Die Bevölkerung Europas will eine friedliche Lösung, die Bundesregierung stimmt darin mit den Menschen überein. Die konsequente Haltung der Bundesregierung gegen einen Krieg wird übrigens auch in der Bevölkerung der USA wahrgenommen. Für viele Menschen dort ist Deutschland eine Hoffnung. Im Gegensatz zur Union, die in blinder Gefolgschaft zu den USA auf die „Koalition der Willigen“ zum Krieg eingeschwenkt ist.

Hat die Bundesregierung Erkenntnisse über mögliche Folgen eines Irak-Kriegs?

Dem Bundesumweltministerium liegen verschiedene Studien vor, darunter UN-Dokumente. Danach wird mit 40000 bis 200000 Opfern von militärischen Aktionen gerechnet. Es gibt im Irak – anders als in Afghanistan – nicht nur eine ländliche, sondern überwiegend eine urbane Struktur: 7,5 Millionen Menschen leben in Städten, sind von direkter Lebensmittelhilfe abhängig und könnten sich im Krieg nicht mehr selbst versorgen. Es wird befürchtet, dass bis zu 200000 weitere Menschen an den mittelbaren Folgen eines Krieges sterben. Das ist die ethische Dimension eines solchen Krieges. Vom Irak geht nach derzeitigen Erkenntnissen keine unmittelbare Gefahr für seine Nachbarn aus. Wir sind als Demokraten gut beraten, eine genaue Zweck-Mittel-Abwägung vorzunehmen. Das ist der Grund, warum wir anders als die Union den Krieg nicht als nächstes Mittel ansehen.

Hat Ihr Ministerium ein Bild von möglichen ökologischen Folgen eines Krieges?

Uns allen sind die Bilder von brennenden Ölfeldern mit den katastrophalen Folgen für die Umwelt noch in lebhafter Erinnerung. Bei einem neuerlichen Krieg ist zu befürchten, dass sich dies wiederholt und die Böden erneut mit Öl verseucht werden. Man kann lange darüber spekulieren, ob Saddam wieder eine Strategie der verbrannten Erde betreiben würde, wie er das 1991 getan hat. Welche Folgen ein Krieg für die Bevölkerung des Irak hat, kann niemand seriös abschätzen. Aber wahrscheinlich ist, dass die Opfer unter der Zivilbevölkerung auf Grund der herrschenden Armut und des schlechten Gesundheitszustandes immens wären. Millionen Kinder wären mit Sicherheit die Hauptleidtragenden. Bei einem Krieg würde die zentrale Trinkwasserversorgung schnell zusammenbrechen, als Folge müsste mit einem massiven Anstieg von Infektionskrankheiten gerechnet werden. Wer den Krieg als nächstes Mittel ansieht, muss sich fragen lassen, ob diese Folgen ethisch zu rechtfertigen sind.

Halten Sie trotz der Kritik aus Ihrer eigenen Partei an der Einschätzung fest, dass es der US-Regierung vor allem um Öl geht?

Ich habe gesagt, dass es den USA sowohl um geostrategische wie um Rohstoffinteressen geht. Dies ist übrigens bei den Grünen völlig unumstritten. Wir sollten dies bei der Diskussion um einen Krieg auch nicht verschweigen. Alles andere wäre unehrlich.

Ist die Bundesregierung bereit, Kriegsfolgen zu begrenzen, etwa durch humanitäre Hilfe?

Unsere Aufgabe ist es, einen Krieg zu verhindern. Auf dieses Ziel sind unsere Anstrengungen gerichtet, dafür lohnt es sich zu kämpfen.

Das Gespräch führte Hans Monath.

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