Zeitung Heute : Fürs Überleben lernen

In den 28 Berliner Jugendverkehrsschulen können Kinder trainieren, wie man mit dem Fahrrad sicher durch die Stadt kommt

Juris Lempfert

SICHER DURCH DEN VERKEHR: TRAINING FÜR KINDER – UND ERWACHSENE

Die Polizistin der Pankower Jugendverkehrsschule hat die Frage noch gar nicht zu Ende gestellt, da schnellen schon vierundzwanzig Finger in die Höhe. Rechtsabbiegen, Vorfahrtsregeln, Schulterblick - die Viertklässler der Pankower Grundschule am Sandhaus, die heute auf dem Verkehrsschulgelände ihren Fahrradunterricht haben, kennen die meisten Verkehrsregeln auswendig. Sie wissen, wie man sich im Straßenverkehr verhalten muss. Könnte man meinen. Aber bei der praktischen Prüfung, draußen auf dem Parcours, herrscht das reine Chaos. Beim Linksabbiegen strecken nur zwei von 24 Kindern den Arm raus. Der Rest versucht, den Vordermann zu überholen, ruft seinem Hintermann etwas zu oder schaut während der Fahrt verträumt den Flugzeugen am Himmel nach.

„Die Jungs und Mädchen wissen wirklich fast alles, was man im Straßenverkehr wissen muss“, sagt der Verkehrssicherheitsberater der Pankower Verkehrsschule, Uwe Karck. „Das Problem ist nur, dass sie es nicht immer richtig umsetzen können.“ Das hat eine ganze Reihe von Gründen. Der wichtigste heißt: Ablenkung. Denn Kinder konzentrieren sich meistens nur auf eine Sache. Ein lautes vorbeifahrendes Motorrad oder der Freund auf dem anderen Fahrrad, der schneller fährt, lassen sie den Verkehr völlig vergessen. Hinzu kommt: Kinder haben eine geringere Blickfeld-Breite als Erwachsene. Ein von der Seite kommendes Auto nehmen sie deshalb oft gar nicht wahr. Zudem haben noch Zehnjährige Schwierigkeiten einzuordnen, aus welcher Richtung sich ein Fahrzeug nähert und können Entfernungen und Geschwindigkeiten anderer Verkehrsteilnehmern nur schlecht einschätzen. Ein Kind wird bei einem lautem Motorengeräusch nicht unbedingt erwarten, es könne ein Auto hinter einer Hecke hervorkommen, so wie Erwachsene das tun. „Vorausschauendes Gefahrenbewusstsein“ setzt Lern- und Erfahrungsprozesse voraus, die nur ein Erwachsener hat. „Eltern trauen Kindern zu früh zu viel zu“, sagt Uwe Karck, „Die sind beeindruckt davon, wie viel ihre Söhne und Töchter von Verkehrsregeln erzählen können und denken, dass sie dann ja auch sicher Rad fahren können müssen.“

In der Jugendverkehrsschule haben fast alle von dem neunjährigen Dersu gehört, der letzte Woche in Charlottenburg von einem Lastwagen überfahren wurde. „Der Junge hat den Schulterblick vergessen“, sagt ein Mädchen mit blonden Zöpfen bei der Verkehrserziehung. Jeder Berliner Viertklässler verbringt ein paar Unterrichtsstunden pro Woche in einer Jugendverkehrsschule, am Ende des Jahres müssen die Schüler die Fahrradprüfung ablegen. Das reiche aber nicht aus, sagen die Verkehrssicherheitsberater. „Wir empfehlen den Eltern, mit ihren Kindern schon ab der ersten Klasse herzukommen“, sagt Uwe Karck. Fahrrad fahren hätten die meisten Kinder dann längst gelernt, aber richtig bremsen oder ganz langsam fahren, das könnten die wenigsten. „Wenn die Eltern mit ihren Kindern zum Üben herkommen, wissen sie, was die Kinder wirklich können“, sagt Karck. Oft sei es eben doch sinnvoll, die Kleinen auf gefährlichen Strecken zu begleiten. „Und dann auf jeden Fall hinter dem Kind herfahren“, rät Karck. Nur so könne man es ständig im Blick haben.

Ab welchem Alter ein Kind alleine im Straßenverkehr fahren kann, darüber sind sich die Verkehrsexperten nicht einig. Das hänge auch von der Wohngegend und dem Verkehr dort ab. Dass eine Fahrradprüfung alleine nicht viel aussagt, das weiß auch der zehnjährige Markus, der gerade fleißig Abbiegen übt. „In der Prüfung dürfen wir sieben Fehler machen, ohne dass uns etwas passiert“, sagt er. „Da draußen keinen einzigen.“

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