Zeitung Heute : Fürsorge am Ende

Ein alter Mann ist gestorben, ein Pflegefall. Das Gericht prüft, durch wessen Schuld

Verena Mayer

In einem Heim ist Herr Müller aufgewachsen. Seine Mutter hat ihn weggeben, als er ein Kind war. In einem Heim hat Herr Müller die letzte Zeit seines Lebens verbracht. Mit 68 Jahren kam er nicht mehr zurecht, seine Betreuerin suchte ihm einen Platz. In seinen letzten fünf Monaten im Pflegeheim war Herr Müller verwirrt und dünn, seine Hand steckte im Gips. Er brauchte einen Katheter und eine Magensonde, musste gewaschen und gewickelt werden. Seine Bauchdecke entzündete sich, er bekam er einen Abszess im Leistenbereich, der sein Blut vergiftete. Er starb im Krankenhaus.

Das Leben, das Herr Müller* zwischen den Heimen führte, ist zusammengeschmolzen auf ein paar Einträge in einer Akte. Herr Müller, Jahrgang 1935, hat in einer Bleifabrik gearbeitet. Das Blei hat sich im Gehirn abgelagert, irgendwann begann er, durch die Straßen zu irren, er stürzte und verletzte sich. Verwandte hatte er nicht, jedenfalls keine, die sich um ihn gekümmert hätten. Im Leben war Herr Müller ein Pflegefall, sein Tod ist ein Fall geworden, der derzeit vor Gericht verhandelt wird. Drei Angestellte aus dem Pflegeheim sind angeklagt. Der Arzt, der Herrn Müller im Krankenhaus behandelt hat, erhebt schwere Vorwürfe. Herr Müller sei in einem „außerordentlich stark vernachlässigten“, ja „menschenunwürdigen“ Zustand gewesen, blass, untergewichtig und wund gelegen. Er habe keine Muskeln mehr an den Beinen gehabt, bei guter Pflege „hätte so etwas nicht passieren dürfen“.

Das Heim, in dem Herr Müller im Jahr 2003 wohnte, befindet sich in Berlin-Kreuzberg. Ein verschachtelter Klotz aus den 60er Jahren, innen wurde im vergangenen Jahr umgebaut. Die Flure sind in freundlichem Gelb gehalten, an den Wänden hängen Bilder, Einstein, James Dean. Es gibt ein Café, einen Andachtsraum, Küchen für die Bewohner, ein Zimmer mit Fitnessgeräten und eines für Ergotherapie.

Jedes Pflegeheim ist eine Endstation. Das Heim in Kreuzberg ist es besonders. Hier wohnen jene, mit denen sich die Gesellschaft am wenigsten identifiziert. Mehr als 80 Prozent sind Sozialhilfeempfänger, im Monat bleiben jedem 84 Euro. „Wenn ich in ein Heim komme, bringe ich mich um“, soll Herr Müller zu der Frau gesagt, die von Amts wegen als Betreuerin für ihn eingesetzt war.

Carolin Gebhardt nahm Herrn Müller auf. Sie ist die Pflegedienstleiterin des Heims, 50 Jahre alt, seit 1972 in der Pflege. Sie führt durch das Haus. Auch die Geschäftsführerin ist gekommen, hat Gesetzestexte dabei, Erläuterungen zur Pflegeversicherung. Man wolle sich nicht verstecken, sagt sie.

Carolin Gebhardt bleibt immer wieder stehen, unterhält sich mit einem Mann im Rollstuhl über seinen Traum, in Italien zu leben, oder hilft einem Demenzkranken, seine dritten Zähne einzusetzen. Immer wieder klopft Gebhardt an eine Tür, spricht mit den Bewohnern, hält eine Hand, streichelt eine Stirn. Es gibt 118 Einzelzimmer, modern, jedes mit Bad. Die Schränke sind aus hellem Holz, es gibt ein Bücherregal und einen Fernseher. Von den höheren Etagen sieht man über Kreuzberg. Man ist weit weg von allem hier oben.

Das Pflegeheim ist das Zuhause für seine Bewohner, für mehr als 90 Prozent von ihnen sogar das letzte Zuhause. Andererseits ist dieser private Ort aber auch eine Pflegeeinrichtung, er muss gesetzlichen Auflagen genügen. Diesen Widerspruch trägt jeder Ablauf in sich. Es sei schon vorgekommen, sagt die Geschäftsführerin, dass Weihnachten schön geschmückt wurde, und dann ließen die Leute vom Brandschutz alles wieder wegräumen, die Alten feierten ohne Baum. Es darf auch keine Stehlampen in den Fluren geben, keine Hartplastikpflanzen, auf den Tischen keine Zeitungen. Es sind nur bestimmte Möbel erlaubt.

Das Heim war eine Belastung für Herrn Müller, den schmalen Mann, an dessen weibliche Gesichtszüge sich eine Pflegekraft erinnert. Er hatte keinen Lebensmut, sein geistiger Abbau schritt voran. Als Herr Müller in Kreuzberg wohnte, war das Heim noch ein Übergangsquartier. Wenn anderswo eine Pflegeeinrichtung renoviert wurde, kamen die Bewohner hierher, 2003 war es ein Pflegeheim aus Marzahn. „Schuppen“ nannten die Angestellten das Gebäude damals, in den Zimmern gab es keine Toiletten, in jedem Stockwerk nur ein Bad. Herr Müller schlug mit dem Gips um sich, wenn man ihn begutachten wollte, er aß nicht und musste schließlich gegen seinen Willen künstlich ernährt werden. Er kam in ein Krankenhaus, wo man ihm eine Magensonde einsetzte, offenbar jedoch so schlecht, dass Magensäure austrat, als er wieder im Heim war. Er wurde wieder ins Krankenhaus gebracht, am 13. August 2003 zum letzten Mal.

Michael De Ridder leitet die Rettungsstelle im Krankenhaus Am Urban, wo Herr Müller seine letzten fünf Tage verbrachte. Er ist ein sportlicher, dunkelhaariger Mann, wenn man sich mit ihm unterhält, wirkt er gehetzt, es ist die Hektik von Leuten, die nicht dort sein können, wo sie gerade gebraucht werden. De Ridder ist auch einer der lautesten Ankläger, wenn es um den Pflegenotstand geht. Er ist früher als Notarzt im Rettungswagen gefahren, hat viel gesehen. Er war es, der im Fall Müller Anzeige erstattet hat. Die Schwellung, die einem Abszess vorangehe, hätte man bemerken müssen, sagt De Ridder. „Ich frage mich, wer die Decke hochgehoben hat, ob jemand überhaupt die Decke hochgehoben hat.“

In den vergangenen Jahren hätten die Pflegeheime immer mehr leisten müssen, rechtfertigt sich die Geschäftsführerin. Früher wurden Leute, etwa nach einem Unfall oder Suizidversuch, wochenlang in den Krankenhäusern gepflegt. Seit das Geld knapp ist und die Krankenhäuser nach Fallpauschalen abrechnen müssen, werden solche Leute schnell in Pflegeheime entlassen – nicht immer sind Altenheime auf die intensive medizinische Versorgung eingestellt.

In dem Kreuzberger Heim leben auch viele Junge. Ein Mittvierziger, der sich in den Mund geschossen und überlebt hat, eine 24-Jährige, deren Geist nach einem Schlaganfall erloschen ist. Im Regal stehen Fotos ihrer kleinen Tochter. Die Tochter ist jetzt in Pflege, die Eltern kommen selten, sie sind nicht aus Berlin. Wie lang die Frau im Heim sein wird? „Für immer“, sagt Carolin Gebhardt. Jugendliche nach Drogenmissbrauch würden genauso in Pflegeheime abgeschoben wie Leute, die eigentlich in die Psychiatrie gehören. Auf der anderen Seite kommen die Alten in einem immer bedauernswerteren Zustand, „multimorbide“, wie es heißt, auch das hat Kostengründe.

Ein Pflegeheim ist ein Spielball der Interessen. Die Heimaufsicht und die Angehörigen fordern, dass es so viel Privatsphäre wie eine Wohnung hat, der Träger verlangt, dass es wirtschaftlich arbeitet. Das ideale Pflegeheim ist fürsorglich wie ein Hotel und durchorganisiert wie ein Krankenhaus. Es schränkt die Alten nicht ein, übernimmt aber jede Verantwortung. Es kostet die Gesellschaft nichts und vermittelt ihr gleichzeitig das Gefühl, dass sie sich liebevoll um ihre Alten kümmert. Das ideale Pflegeheim gibt es nicht.

Dafür gibt es viel Papier. Carolin Gebhardt hat dicke Ordner auf dem Tisch stehen. Jeder Bissen, der verabreicht wird, muss festgehalten werden, jeder Milliliter Urin, in „Ein- und Ausfuhrprotokollen“. Jede Tablette ist zu verzeichnen, jede Windel, jedes Telefonat, jeder Spaziergang, jeder Besuch. Und nach jedem, der ein Papier ausfüllt, kommt einer, der es gegenzeichnet, und später jemand, der stichprobenartig kontrolliert. In einer 7,7-Stunden-Schicht verbringt eine Pflegekraft eine Stunde mit Papier.

Auf dem Papier wurde Herr Müller auch ordnungsgemäß gepflegt, doch es wurden Dinge abgezeichnet, die so gar nicht stattgefunden haben können, weil Herr Müller schon im Krankenhaus war, sagt eine Gutachterin vor Gericht. Die eingetragene Menge von Flüssigkeit habe nicht mit den Laborwerten übereingestimmt, und am Tag, nachdem die Sonde verlegt worden war, habe jemand: „Hautzustand unverändert“ notiert. Auch sei die Ärztin nicht ausreichend informiert worden. Umgekehrt ist keine spezielle Matratze verzeichnet, obwohl Herr Müller sehr wohl eine hatte. Als eine „Rötung im Leistenbereich“ festgehalten wurde, war er dem Tod näher als dem Leben.

Carolin Gebhardt schlägt ihre Ordner zu. Sie redet langsam, scheint jedes Wort abzuwägen, sie ist es nicht gewohnt, über sich selbst zu sprechen. Nur wenn sie Dinge wie „Bezugspflegekräfte“, „Wohnbereichsleitung“ oder „Pflegedokumentation“ erwähnt, wird sie sicherer. Zum Fall Müller will sie sich vorerst nicht äußern, nur einmal bricht es aus ihr heraus: Dass man ihr vorwerfe, die Decke nicht hochgehoben zu haben – das setze ihr sehr zu.

Amtsgericht Tiergarten, die Justiz versucht zu klären, wie Herr Müller in jenen Kreislauf aus Unachtsamkeit und Überforderung geriet, der seinen Fall so symptomatisch macht. Angeklagt wegen fahrlässiger Körperverletzung sind Carolin Gebhardt, eine Ärztin, die damals im Heim Dienst hatte, und eine Angestellte des Heims. Der Staatsanwalt, ein weißhaariger älterer Herr, fragt die Ärztin, warum sie auf Herrn Müllers schlechten Gesundheitszustand nicht reagiert habe. Sie antwortet ausweichend. Dass Herrn Müller Krankengymnastik verordnet wurde und sie davon ausging, dass er gut beisammen gewesen sein müsse. Und dass sie die fraglichen Rötungen nicht gesehen habe. „Weil die anderen Patienten in einem ähnlichen Zustand waren?“, fragt der Staatsanwalt. Die Ärztin schweigt. Ob Abstumpfung eine Rolle gespielt haben könne?, will der Staatsanwalt wissen. „Dazu besteht kein Anlass“, antwortet die Ärztin.

Carolin Gebhardt sagt nichts, sie blättert nur manchmal in ihren Papieren, als ließe sich dort eine Erklärung finden. Ihr Verteidiger verliest eine Stellungnahme für sie. „Wenn wir Verschlechterungen bemerkt haben, haben wir darauf reagiert“, heißt es darin, und: „Ich sehe keine Schuld im Sinne des Strafrechts.“

Die Ärztin wird freigesprochen. Der Richter sagt, dass ihr keine Fehler nachzuweisen seien. Auch ist nicht auszuschließen, dass der Abszess von der Magensonde herrührte, die im Krankenhaus gelegt worden war. Darauf setzt jedenfalls die Verteidigung. Es ist in ihrem Sinn, die Verantwortung abzuschieben.

Carolin Gebhardt schickt nach dem Gespräch im Heim noch eine E-Mail: „Wir wollen aktivierende Pflege machen, aber auf der anderen Seite frisst uns die Bürokratie auf“, schreibt sie. „Die Zeit könnten wir effektiver für die uns anvertrauten Menschen nutzen. Auch der Mensch, der in unserer Einrichtung lebt, freut sich darauf, mit den Mitarbeitern zu sprechen und auch zu merken, dass dieser etwas Zeit für ihn hat. Dies gilt auch für die Angehörigen unserer Bewohner … Oder so ähnlich hatte ich mir das gedacht.“

Die Heimleitung hat auf den Fall Müller inzwischen reagiert und eine Art Checkliste eingeführt: Wenn ein Patient aus dem Krankenhaus kommt, soll sein „Aufnahmestatus“ erfasst werden – auf einem weiteren Papier.

* Alle Namen – bis auf den von Michael De Ridder – wurden geändert.

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