Zeitung Heute : Fürsten der Finsternis

Der geplante Anschlag in Jordanien hätte den 11. September in seinem Ausmaß übertroffen. 80000 Menschen sollten dem Terror zum Opfer fallen, mutmaßen die Behörden. Der Stratege hinter den Plänen heißt Abu Musab al Sarqawi. Alle Indizien deuten auf eine Verbindung zu Al Qaida und Osama bin Laden.

Frank Jansen

Osama bin Laden

ist Führer des Terrornetzwerks Al Qaida. Auf einem Tonband hat der Terrorist

angeblich den europäischen Ländern

für den Fall einen Waffenstillstand

angeboten, dass sie ihre Soldaten aus

islamischen Ländern abziehen.

HAT DER TERROR EINE NEUE DIMENSION?

Die Zahl ist so erschreckend, dass man sich weigert, sie zu glauben: 80 000 Tote seien zu befürchten gewesen, hätte die in den vergangenen Wochen zerschlagene Terrorzelle ihre Anschläge verüben können, sagen die jordanischen Sicherheitsbehörden. Sollten die Angaben stimmen, hätte die Welt eine neue, bislang undenkbare Dimension des Terrors erlebt. Die Selbstmordflüge des 11. September 2001, die damals die Vorstellungskraft nahezu aller Experten sprengten, wären nicht länger Maßstab für den ultimativen Anschlag.

In den Berichten aus Jordanien gibt es außerdem einen zweiten Faktor, der den Eindruck eines womöglich apokalyptischen Szenarios verstärkt. Angeblich wollten die Terroristen Giftgas einsetzen. Dazu war die Internationale militanter Islamisten bislang nicht in der Lage. Die einzige Gruppierung, die jemals einen Anschlag mit Giftgas verübt hat, war die japanische Endzeitsekte Aum Shinri-Kyo. Im März 1995 versprühten ihre Attentäter in Tokios U-Bahn das Nervengift Sarin. Zwölf Menschen starben, mehr als 5000 wurden verletzt. Wäre auch dieses Inferno in Jordaniens Hauptstadt Amman übertroffen worden?

Deutsche Sicherheitskreise äußern sich vorsichtig. Bislang sei unklar, ob die sichergestellten 20 Tonnen Chemikalien zum Einsatz als chemische Waffe geeignet waren – oder „nur“ zur Herstellung einer großen Menge Sprengstoff. Es sei jedoch klar, dass die Terroristen in der jordanischen Hauptstadt Amman einen großen Anschlag, vermutlich sogar eine Serie, geplant haben. Sicherheitsexperten sagen, ein „zweites Istanbul“ sei möglich gewesen. Bei den Explosionen von vier sprengstoffgefüllten Lkw innerhalb einer Woche starben im November 2003 in der türkischen Metropole 52 Menschen, ungefähr 750 wurden verletzt. Doch bedeutet das Stichwort Istanbul nicht automatisch, bei den in Jordanien geplanten Anschlägen wären weniger Opfer als am 11. September 2001 zu erwarten gewesen. In Istanbul detonierte nur ein Teil des Sprengstoffs. Wäre die komplette Masse explodiert, sagt ein Experte, „dann hätte es fast so ausgesehen wie beim World Trade Center“.

Wer steckt hinter den Beinahe-Anschlägen in Amman? Die jordanischen Behörden nennen als Auftraggeber ihren Landsmann Abu Musab al Sarqawi. Er gilt als aufsteigende Führungsfigur im islamistischen Terrornetz und leitet eine eigene, offenbar wachsende Truppe. Manche Experten bezeichnen den Jordanier sogar als potenziell zweiten Osama bin Laden. Auf Sarqawis Konto gehen vermutlich mehrere schwere Attentate im Irak, die Amerikaner haben auf seinen Kopf zehn Millionen Dollar ausgesetzt. Zuletzt hat sich Sarqawi im Internet zu den gescheiterten Anschlägen vom Sonnabend auf zwei Ölterminals im Irak bekannt. In Deutschland ermittelt Generalbundesanwalt Kay Nehm gegen den Jordanier. Sarqawi soll Terroristen der islamistischen Bewegung Al Tawhid in die Bundesrepublik geschickt haben. Geplant waren Anschläge auf jüdische Ziele in Berlin und Düsseldorf.

Zurück nach Jordanien. Der festgenommene, mutmaßliche Anführer der Terrorzelle, Asmi al Dschajusi, hat am Montag im jordanischen Fernsehen berichtet, er habe Sarqawi die Treue geschworen und von ihm im Irak den Befehl zu den Anschlägen in Amman erhalten. Deutsche Sicherheitsexperten sagen, es sei „plausibel“ anzunehmen, dass Sarqawi der Drahtzieher war. Denn neben Juden und Amerikanern ist das jordanische Königshaus sein zentrales Hassobjekt. Eine auffällige Parallele zu Osama bin Laden: Auch der Saudi attackiert die Herrscherfamilie seines Landes mit manischem Eifer.

Sarqawi hat in Jordanien, wo ihm die Todesstrafe droht, schon mehrere Anschläge geplant. 1999 rekrutierte er 22 Attentäter, die zum Jahrtausendwechsel amerikanische Urlauber und Grenzübergänge zu Israel angreifen sollten. Doch die Gruppe wurde rechtzeitig geschnappt. Im März 2002 explodierte unter dem Wagen des Chefs der jordanischen Antiterroreinheit eine Bombe. Der Offizier überlebte, zwei Passanten kamen ums Leben. Ende Oktober 2002 erschossen Terroristen, von Sarqawi mit 18 000 Dollar finanziert, in Amman den US-Diplomaten Lawrence Foley.

Für die jetzt geplanten Anschläge in Amman habe Sarqawi 170 000 Dollar und falsche Pässe beschafft, sagte der Festgenommene Dschajusi bei seinem Fernsehauftritt. Die Höhe der Summe und die Menge der Chemikalien könnten Indizien für eine gemeinsame Aktion mit Al Qaida sein, sagen Sicherheitsexperten. Sie bezweifeln, dass Sarqawi nur mit seinen Leuten zu einer solchen logistischen Leistung fähig ist. Aber ihm wird auch enormer Ehrgeiz bescheinigt. Sarqawi versuche, seine Popularität im globalen islamistischen Terrornetz zu steigern, sagt ein Experte. Allerdings fehlt noch ein verheerender Anschlag mit tausenden Toten.

Abu Musab al Sarqawi

ist ein Phantom. Erkenntnisse über

den 37 Jahre alten Jordanier sind

spärlich. Die USA verdächtigen ihn, Drahtzieher zahlreicher Anschläge

im Irak zu sein. Manche Experten

glauben, er sei Chefstratege von Al Qaida.

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