Zeitung Heute : Fürstenberg in Brandenburg präsentiert "Konversionsprojekte" im Rahmen der Expo 2000

Harald Olkus

Wie ein Korsett umfasst die Hinterlassenschaft der russischen Armee das nordbrandenburgische Fürstenberg. Bis 1993 waren in der 5000 Einwohner zählenden Stadt an der Havel etwa 30 000 russische Soldaten stationiert. Auf etwa einem Drittel dieser Fläche, rund 2000 Hektar, stehen jetzt die Ruinen der Streitkräfte. Die "Wasserstadt", wie das von drei Seen umgebene Fürstenberg gerne für sich wirbt, ist der zweitgrößte Konversionsstandort im Land Brandenburg.

Für den größten Teil der ehemaligen Militärgebäude kommt eine Nachnutzung allerdings nicht in Frage. "Wir sind eine Kleinstadt in einem strukturschwachen Gebiet", sagt Volker Scheicher. Deshalb habe weder ein größeres Wohnungsangebot noch weitere Industrieflächen große Aussichten auf Vermarktung, so der Konversionsbeauftragte der Stadt. Eine direkte Autobahnanbindung gebe es nicht. Und dem Tourismus, auf den der ehemalige Luftkurort setzt, sind großflächige Ruinenlandschaften nicht gerade förderlich. Was also anfangen mit den allmählich verfallenden Kasernen, Lagergebäuden, Garagen und Wartungshallen?

Abreißen? Die Kosten dafür übersteigen die Möglichkeiten der Gemeinde. Eine Beseitigung der Altlasten kann die kleine Stadt aus eigener Kraft schon gar nicht finanzieren. Da wiegt es besonders schwer, dass seit dem Jahreswechsel auch noch zwei auf Konversionsstandorte zugeschnittene Förderprogramme des Landes Brandenburg ausgelaufen sind: das Wohnbeschaffungsprogramm für ehemalige GUS-Flächen sowie KONVER, ein Förderprogramm zur Entwicklung ehemaliger Militärflächen.

"Jetzt müssen wir mit allen anderen Städten Brandenburgs um eine begrenzte Summe an Fördergeldern konkurrieren", klagt Amtsdirektor Raimund Aymanns. "Die für eine langfristige Planung erforderliche Mittelgewißheit ist nicht mehr gegeben." So tritt die nordbrandenburgische Kleinstadt die Flucht nach vorne an. Sie nimmt gleich mit vier Projekten an der Expo 2000 teil: Um das Thema Konversion, das "als Politikum unterzugehen droht", wieder an die Öffentlichkeit zu bringen. Um die "Förderkulisse" zu verbessern. Und weil Fürstenberg als Beispiel für jene osteuropäischen Städte dienen kann, die unter schweren Spätfolgen der russischen Militärpräsenz zu leiden haben

Das Thema aller vier dezentralen Expo-Projekte ist Stadtentwicklung. "Wir haben vier verschiedene Flächentypen, für die wir unterschiedliche Konzepte entwickelt haben", sagt der Konversionsbeauftragte. Als "Selbstläufer" stuft Scheicher die Röblinseesiedlung ein. Im idyllischen Villenvorort am See wohnten die Offiziere einst. Nun soll das Gebiet wieder als "Sommerfrische" für Berliner dienen, die der Stadt überdrüssig sind. Diese Funktion erfüllte das Dorf schon einmal - vor dem zweiten Weltkrieg.

Und die Vergangenheit ist auf dem besten Wege zurückzukehren: Etwa 60 Prozent der Villen sind verkauft, zum größten Teil an Pensionäre aus der deutschen Hauptstadt. Rund die Hälfte der Häuser sind bereits saniert. Die zwischen den Villen stehenden Plattenbauten wurden mit Geldern aus dem KONVER-Programm abgerissen. Das Altlasten-Problem ist größtenteils gelöst. Direkt am See hält die Stadtverwaltung ein Grundstück vor für den Bau eines Hotels. Ein Käufer wird noch gesucht.

Schwieriger ist die Entwicklung des Geländes der ehemaligen Feldbäckerei. Für das Seegrundstück am Rande der Innenstadt steht ein Nutzungskonzept. Die Stadt möchte einen Hafen mit Ferienwohnungen errichten. "Aber der Eigentümer der Fläche hat unannehmbare Preisvorstellungen", sagt Scheicher. Sollten die Verhandlungen doch noch zum Erfolg führen, dann steht die Investitionsstrategie fest: Hier und auf einer weiteren Konversionsfläche auf dem Havelufer gegenüber will die Stadt eine Marina entwickeln mit Wassersportmöglichkeiten.

Erfolgreich war die Konversion einer großen Kasernenanlage in ein Gewerbegebiet vor den Toren der Stadt. Mit Geldern aus der Gemeinschaftsaufgabe regionale Wirtschaftsstruktur (GA) und dem KONVER-Programm ließ Fürstenberg zwei Drittel der Gebäude abreißen, entsorgte kontaminierte Böden und erschloss das Gelände. Mehr als zehn Millionen Mark verwendete die Gemeinde dafür und verfügt nun über ein mittelgroßes Gewerbegebiet für regionale Handels- und Handwerksbetriebe.

"Wir haben noch viel größere Flächen, die wir nicht entwickeln können und nicht entwickeln wollen", sagt Scheicher. Im Umgang mit einem düsteren Kapitel der deutschen Geschichte sind die Verantwortlichen in der Stadt sensibler geworden. Sie haben gelernt aus dem Skandal, der Fürstenberg vor einigen Jahren in die Schlagzeilen brachte, als sie die Baugenehmigung für einen Supermarkt in unmittelbarer Nähe des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück erteilen wollten. Nun sollen diese Flächen eine ihrer historischen Bedeutung entsprechende Funktion erfüllen und zur Aufarbeitung der Geschichte dienen. "Das ist aber ein nationale Aufgabe", sagt Scheicher und hofft dabei künftig auf mehr Unterstützung durch den Bund.

Die sowjetische Armee hatte nach der Befreiung des Lagers 1945 ohne Bedenken große Teile des Areals für militärische Zwecke genutzt und nur den Kernbereich um das Kommandantenhaus 1958 als Mahn- und Gedenkstätte ausgegliedert. In einem Teil der am See gelegenen Häuser, wo einst Aufseherinnen der SS lebten, waren russische Offiziere eingezogen. Heute wollen die Planer sie zu einer Jugendbegegnungsstätte umbauen. Die Grundlage für den weiteren Umgang mit dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers legt der Siegerentwurf eines Ideenwettbewerbs, den Fürstenberg vor zwei Jahren auslobte.

Nicht im herkömmlichen Sinne nutzbar ist auch das Areal des ehemaligen Faserstoffgeländes. Hier wird das Berliner Künstlerhaus Bethanien im Rahmen der Expo ein "Land-art-Projekt" durchführen. Akustische und visuelle Installationen sollen die mentalen Prozesse der Umwandlung thematisieren und so dem Verfall sowie dem Verschwinden des Ortes entgegenwirken. Die Stadt will darüber hinaus wohl auch darauf aufmerksam machen, dass unter den derzeitigen Umständen große Flächen liegen bleiben müssen. "Wenn es keine Gelder für Abriss und Renaturierung gibt, habe ich manchmal das Gefühl, dass es diese Flächen in 500 Jahren immer noch geben wird, überwuchert und verfallen. So wie alte Städte der Mayas", sagt Scheicher.

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