Zeitung Heute : Fulda

Die letzten Tage vor der Wahl:

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auf Deutschlandtour Heute:

Fulda ist extrem katholisch, aber optisch ganz normal. Die Frauen tragen fast alle bauchfreie Tops, obwohl das dem Bischof unmöglich gefallen kann. Da habe ich gedacht: „Das Bedürfnis nach bauchfreien Tops ist bei der Fuldaerin stärker ausgeprägt als der Glaube.“

Mir ist in Hoyerswerda die Brille kaputtgegangen, mit der Ersatzbrille sehe ich fast nichts, also muss ich die ganze Zeit Sonnenbrille tragen, außerdem komme ich nicht mehr zum Rasieren, und an der Kleidung müsste auch mal wieder was gemacht werden. Ach ja, und eine Dusche wäre nicht schlecht. Wenn ich mich selber im Spiegel sehe, denke ich: „La vie de Bohème.“

In Fulda kandidiert als Parteiloser Martin Hohmann, der aus der CDU rausgeflogen ist, weil er eine antisemitische Rede gehalten hat. Er ist in Fulda gut vernetzt und nicht chancenlos. Ich habe die Rede gelesen. Ich dachte: „Mit Hohmann wäre zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder jemand im Parlament, der nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich Antisemit ist.“ Hohmann hat der „Jungen Freiheit“ im Interview erzählt, dass ihm auf dem Bahnhof von Fulda drei Unbekannte erschienen sind, die ihm die Kandidatur fast schon befohlen haben, nach seiner Schilderung müssen es drei Engel gewesen sein oder sogar die Heiligen Drei Könige. Das ist Hohmann. Es könnte aber auch passieren, dass Hohmann und der offizielle CDU-Kandidat sich gegenseitig so viele Stimmen abnehmen, dass eine SPD-Frau den Wahlkreis gewinnt. Wenn aber in Fulda die SPD etwas gewinnt, irgendwas, dann wäre dies ein so extremes historisches Ereignis wie die Wahl von Ozzy Osbourne zum Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Der CDU-Kandidat Michael Brand ist erst 31 Jahre alt, aber sieht bereits Konrad Adenauer ein wenig ähnlich. Für seine Karriere war es, objektiv gesehen, das Beste, was überhaupt passieren konnte, dass Martin Hohmann eine antisemitische Rede hält. Sein Wahlkampfmotto lautet „Keine Experimente!“ Das war auch schon das Motto von Adenauer. Auf dem Marktplatz findet eine CDU-Großveranstaltung statt, ich gehe zu Michael Brand und sage: „Kann ich Sie mal was fragen?“ Er sieht mich an und rennt weg, als sei ich der Gottseibeiuns. Da gehe ich zum Stand der CDU-Frauen, die als einzige auf dem Marktplatz nicht bauchfrei tragen und frage nach Hohmann. Sie sagen, dass Hohmann einen wahnsinnig aufwändigen Wahlkampf führt und dass Gerüchte über geheime Geldgeber in Fulda kursieren. Er sei aber nicht rechtsradikal, nur sonderlich. Eine CDU-Frau fragt: „Sie kommen doch rum. Was ist bei SPD-Veranstaltungen anders als bei uns?“ Ich sage: „Bei der SPD läuft statt Blasmusik Jazzmusik.“

Aus dem Augenwinkel scheint Michael Brand zu beobachten, wie ich mitschreibe, vermutlich denkt er: „Der Penner da hinten scheint so eine Art Journalist zu sein.“ Jetzt kommt er. Ich frage: „Gibt es denn politisch einen Unterschied zwischen Ihnen und Martin Hohmann?“ Er: „Ja. Ich bin ein moderner Konservativer.“ – „Das heißt?“ – „Ich bin zum Beispiel für Familie. Aber ich lasse auch andere Lebensformen gelten.“ Dabei guckt er mich so an, dass ich merke: Ich bin jetzt gerade die andere Lebensform.

Dann kommt Roland Koch, der Ministerpräsident von Hessen. In seiner Rede erklärt er den Menschen von Fulda, dass bei allen, die mit ihrer Erststimme Hohmann wählen, die Zweitstimme gelöscht wird. Zweitstimmen von Hohmannwählern sind ungültig. Am nächsten Morgen äußert sich in der „Fuldaer Zeitung“ Martin Hohmann, den sie noch in der Nacht angerufen haben. Was Roland Koch sage, stimme nicht. Ich kann mir das, ehrlich gesagt, auch nicht vorstellen. Gott sagt, du sollst nicht lügen, aber auf Gott scheint sogar in Fulda kein Mensch mehr zu hören. Mal sehen, wie es in Mödlareuth läuft.

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