FUNKJan Delay & Disko No. 1 : Ganz großer Bahnhof

Jörg W er

Mit „Oh Johnny“ hat er es allen Zweiflern gezeigt: ein Song als turbogeladene Tanzschaffe mit fetten Bläsersätzen und Ohrwurm-Refrain, der umstandslos zum Spätsommerhit avancierte. Er beförderte Jan Delay in die höchsten nationalen Hitparadensphären. Das dazugehörige Album „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ schoss ebenfalls die Charts- Spitze und erweist sich als würdiger „Mercedes Dance“- Nachfolger. Jener Platte also, mit der der Hamburger vor drei Jahren einen konsequenten Stilwechsel vollzog: Er ließ die Reimemonster der Vorzeige-Hip-Hopper Absolute Beginner und den Reggae- Wumms seines Solodebüts hinter sich, zog einen schnieken Anzug samt Panamahut an, scharte eine kompetente Muckertruppe um sich und spielte fortan Seventies-Soul und -Funk. Das Ergebnis pustete frischen Wind in die verschnarchte Deutschpop- Landschaft, zumal sich Delay nicht um Genrekonventionen scherte und mit seinem nöligen Organ das Gegenteil des ausdrucksvollen Soul- Shouters darstellte.

Was damals auch auf Albumlänge funktionierte, hakt bei der Neuauflage allerdings etwas: „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ leidet tatsächlich unter Delays limitierten Gesangskünsten, was aber in erster Linie an den weniger guten Songs liegt. Zunehmend selbstreflexive oder hölzern rumpelnde Stücke wie „Large“ oder „Kommando Bauchladen“ können mit dem Sturm und Drang von „Klar“ oder „Kartoffeln“ einfach nicht mithalten. Vielleicht ein Luxusproblem: Mit 33 Jahren tritt Jan Delay zwar auf der Stelle, das aber auf einem hohen Niveau. Und live sollte das Ganze sowieso wieder mächtig abgehen. Jörg Wunder

Columbiahalle, Mo 26.10.,

20 Uhr, 26 € + VVK

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